Screenshot Katsanidou

#WiRdigital: Zusammenhalt in Europa

Nachbericht: Solidarität in Krisen

Am Montag, den 7. Februar hielt Prof. Dr. Alexia Katsanidou im Rahmen der Reihe „Wissenschaft im Rathaus“ einen Vortrag zum Thema „Europa: Solidarität in Krisen“. Die Veranstaltung wurde unter dem Motto #WiRdigital gestreamed.

Vorab begrüßte Oberbürgermeisterin Henriette Reker zum digitalen Treffen und nannte Beispiele für solidarisches Handeln in Köln. Durch die Beteiligung der Seebrücke und der Forderung, Geflüchtete über Kontingente aufzunehmen, den Klimanotstand-Ausruf und diverse Projekte zur nachhaltigen und digitalen Entwicklung stünde Köln mit anderen Städten Europas zusammen, um die Herausforderungen der Zeit (Klimakrise, Wirtschaftskrise, Coronakrise) zu meistern.

Gemeinschaft Europa
Prof. Katsanidou stellte ihre Ergebnisse aus der empirischen Sozialforschung vor und erläuterte, dass Solidarität schon seit jeher in jeglicher Form von Gemeinschaften existierte. Solidarität bedeutet, dass wir uns füreinander zuständig fühlen und für uns selbst Verluste akzeptieren, damit anderen ein schlimmeres Schicksal erspart bleibt. In Bezug auf die „Gemeinschaft Europa“ erklärte sie: „Solidarität zwischen den Mitgliedsländern ist die Basis des EU-Integrationsprozesses und in zahlreichen Verträgen, zuletzt im Lissabon-Vertrag aus dem Jahr 2007, ist bereits die Rede von Solidarität“.

Zeit der Krisen
Die Politikwissenschaftlerin stellte dar, dass sich Europa seit 2009 kontinuierlich in Krisen befände: Auf die Euro-Schulden-Krise (2009-2014) folgte die EU-Flüchtlingskrise (2015-2016) und auch bald die Corona-Pandemie (2020-2022). In diesen Krisen wurde deutlich, dass EU-Länder, die eine hohe Identitätszugehörigkeit zur EU empfanden, auch eine solidarisch ausgeprägtere Haltung zeigten.

Während der Flüchtlingskrise waren zwei Arten von Solidarität nötig: Solidarität gegenüber Flüchtlingen selbst sowie gegenüber Erstkontaktländern (Griechenland, Spanien, Ungarn). Eine gegenseitige solidarische Unterstützung der EU-Länder bei der Asylaufnahme war unabdingbar.

In der immer noch anhaltenden Coronakrise ist Solidarität erneut enorm wichtig. Dennoch stellte sie sich besonders zu Lockdown-Zeiten anders dar: Zusammenhalt DURCH Abstand war hier der wichtige Unterschied. Solidarität bedeutete nun, Risikogruppen durch Zurückhaltung zu schützen. Einflüsse in die solidarische Verhaltensweise jedes Einzelnen waren und sind in der Coronakrise das Vertrauen in die Regierung, Angst vor Corona, Vertrauen in die Wissenschaft, linke Orientierung und Unterstützung in der EU-Mitgliedschaft.

Fragen und Antworten

Welche Faktoren stärken und beeinflussen den Zusammenhalt in Krisen?
Gesellschaften mit Ungleichheiten sind nicht leicht zusammenzuhalten. Große Unterschiede beispielweise in Wohlstand und Bildung könnten die Gesellschaft zerbrechen. Weitere Faktoren seien Medien und Politik. Wenn bereits die Politik uneinig ist und eine große Polarisierung herrscht, wird es schwierig. Ich habe die Befürchtung, dass ein Land mit hohen Ungleichheiten und Polarisierung so, wie wir es kennen, nicht mehr lange existiert.

Wie ist im Zuge von Solidarität in der Corona-Krise die massive Skepsis der Deutschen gegenüber dem Impfen zu erklären? Liegt es am fehlenden Vertrauen in die Politik?
Das Vertrauen in die Politik ist im Generellen nicht weniger geworden, aber es haben unterschiedliche Regionen und Gruppen das Vertrauen verloren: Eine nicht besonders wohlhabende Region, die aber eine Perspektive entwickelt und erlebt hat, hat eine positivere Einstellung gegenüber Solidarität und ist bereit, Vertrauen in die Wissenschaftler und Politik zu haben.

Wird es schwieriger, Solidarität zu leben, je konkreter die Bedrohungen werden?
Forschung zeigt, dass Solidarität uns im richtigen Leben und in der direkten Umgebung leichter fällt. Was wir kennen und was uns direkt betrifft, unterstützen wir viel eher als das Unbekannte, das weiter weg Liegende. Das sehen wir auch an der Spendenbereitschaft.

Wie können wir und EU-Politiker etwas für eine wachsende Solidarität tun? Lernt man erst in einer Krise zusammen zu stehen?
Es wäre sicher sinnvoll, wenn wir uns in Europa einander besser kennen lernen. Wir haben noch viel zu tun, damit „der Andere“ in Europa nicht abstrakt bleibt. Wir hören in den Nachrichten erst dann von anderen Ländern, wenn etwas Schlimmes passiert, was uns in Deutschland betrifft. Wenn wir mehr über unsere anderen EU-Länder wüssten, würden wir sie besser verstehen. Es gab bereits den Vorschlag, auch die Politik anderer Länder mit zu beeinflussen und alle EU-Länder an Wahlen untereinander beteiligen zu lassen. Das wäre eine große Änderung des Systems und würde uns sicher näher zueinander bringen.

Haben Sie in Ihren Arbeiten Ost- und Westdeutschland in allen Krisen verglichen?
Ja, und wir haben in der Tat Unterschiede der einzelnen Bundesländer seitens der Entwicklung, aber auch der Einstellung besonders junger Menschen festgestellt. Die junge Generation ist besonders anfällig für Radikalisierungen und sie blicken in wirtschaftsschwachen Regionen auf wenig Perspektive. So bleiben leider weiterhin Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland.

ZUR PERSON
Prof. Dr. Alexia Katsanidou ist vergleichende Politikwissenschaftlerin, Leiterin der GESIS-Abteilung Survey Data Curation im Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften sowie Professorin für Empirische Sozialforschung an der Universität zu Köln. Derzeit arbeitet sie an Projekten zu den Auswirkungen der Krise auf die politische Repräsentation und das politische Verhalten zusammen mit dem WZB und der Universität Heidelberg und zum Thema Solidarität in der COVID-19 Pandemie zusammen mit anderen GESIS-Partnern und der Universität Hildesheim.

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