Dr. Pascal Siegers © GESIS

#WiRdigital: Religiosität – Effekte auf Einstellung und Verhalten

Vom Glauben und Un-Glauben

Am 11.12.2020 fand zum sechsten Mal das Format „Wissenschaft im Rathaus – Online“ statt. Dr. Pascal Siegers von GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften erläuterte, wie Religion und Religiosität in Zeiten des Un-Glaubens das Leben der Menschen beeinflussen.

In vielen Lebensbereichen hängen Einstellungen und Verhalten der Menschen mit ihrer Religiosität zusammen. Beispielsweise hat die Religiosität Auswirkungen auf die politische Ausrichtung und das jeweilige Wahlverhalten, auf moralische Sichtweisen zur Abtreibung, Scheidung oder Homosexualität. Sie beeinfluss die Entscheidung zu Heiraten und Kinder zu kriegen sowie das Gesundheitsverhalten und Wohlbefinden. Religiosität bleibt ein strukturierender Faktor im Zusammenleben der Menschen.

Glauben und Handeln
Im Mittelpunkt stehen die verfassten Kirchen mit ihren spezifischen religiösen Lehren, die einen gemeinsamen ethischen Kern haben: pro-soziales Verhalten gegenüber den Mitgliedern der eigenen Gruppe und anderer Gruppen. Menschenfeindliches und schädigendes Verhalten sollte bei religiösen Menschen viel seltener auftreten als bei nicht-religiösen Menschen, solange der Glaube auch Leitlinie des Handelns ist. Aber die Lage ist ambivalent. Die Religionspsychologische Forschung hat z.B. gezeigt, dass das Gottesbild die Effekte von Religiosität prägen kann. Ein strafender Gott ist mit stärker ausschließenden Einstellungen verbunden. Ein gütiger Gott mit eher inklusiven Einstellungen.

In der Religionssoziologie wird Religiosität als mehrdimensionales Phänomen begriffen. Für die Untersuchung der Effekte von Religiosität auf Einstellungen und Verhalten sind insbesondere zwei Dimensionen von Bedeutung: Glauben und Handeln. Glauben beschreibt dabei die spezifischen Inhalte des Glaubens (zentral im Christentum der persönliche Gott) und die darauf aufbauenden Vorstellungen von Gut und Böse, die für die monotheistischen Religionen zentral sind, in anderen Religionen aber häufig keine Rolle spielen. Das Handeln – hier gemeint als Teilnahme an religiösen Riten und Aktionen – zeigt die Wichtigkeit der Religiosität für das Individuum an.

Effekte der Säkularisierung
In Westeuropa und Kanada lässt sich ein Rückgang christlicher Religiosität ohne äquivalente Kompensation durch alternative Glaubensformen oder Zuwanderung feststellen. Eine Säkularisierung, also Loslösung des Einzelnen, des Staates und gesellschaftlicher Gruppen aus den Bindungen an die Kirche, findet seit langem statt. Seit den Mitte 80 Jahren verlieren die Kirchen in Deutschland kontinuierlich ihre Mitglieder und immer weniger Menschen gehen noch regelmäßig in die Kirche. Religiosität ist von einer Voraussetzung sozialer Integration zur einer freien Wahlentscheidung der Menschen geworden. Heute wird man nicht mehr in die Religionsform geboren und bleibt dabei, vielmehr sind der Glaube und eine religiöse Praxis immer mehr Ergebnis einer individuellen Endscheidung. Dadurch werden religiös geprägte Christen immer mehr zu einer Minderheit.

Stellt sich nun die Frage, wie verändert sich der Einfluss der Religiosität auf Einstellungen und Verhalten, wenn immer weniger Menschen religiös sind? Besonders auf die moralischen Einstellungen auf das pro-soziales Verhalten und auf Ausländerfeindlichkeit.

Die These moralischer Gemeinschaften setzt an einem funktionalen Religionsbegriff von Durkheim an. Religion ist hier Mittel sozialer Integration. Die Individuen werden erst dadurch Teil der Gemeinschaft, dass sie die moralischen Grundlagen akzeptieren, die in der Religion festgelegt werden. Ohne Religion folglich keine Gesellschaft. Die These moralischer Gemeinschaften knüpft daran an. Sie nimmt an, dass die Einhaltung moralischer Regeln gesellschaftlicher Sanktion bedarf. Verstöße müssen also geahndet werden. Damit ist nicht juristische Bestrafung im engeren Sinne gemeint, sondern eher Prozesse sozialer Ausgrenzung: des nicht mehr zur Gemeinschaft zugehörig sein – festgemacht zum Beispiel am Begriff der Sünde. Wenn nun immer weniger Menschen religiöse sind, dann sind soziale Sanktionen nicht mehr effektiv. Es gibt keinen Grund mehr, religiöse Vorschriften einzuhalten. Trifft diese These zu, sollte der Effekt von Religiosität auf Einstellungen und Verhalten im Zuge der Säkularisierung verschwinden.

Genau andersherum argumentiert die These intrinsischer Religiosität. Wenn es eine starke soziale Norm gibt, religiös zu sein, dann haben viele Menschen extrinsische Motive für ihre Religiosität. Sie Glauben und Handeln in erster Linie, um etwas damit zu erreichen, nicht weil sie von der Richtigkeit ihres Glaubens überzeugt sind. Extrinsische Motive liegen also vor, wenn Religion als Mittel zum Zweck fungiert. Intrinsische Motive, im Gegenteil, meinen, dass der Glaube handlungsleitend wirkt, weil er sinnstiftend ist. In säkularisierten Gesellschaften spielen extrinsische Motive für die Religiosität eine geringere Rolle. Eine religiöse Fassade wird nicht mehr benötigt, sie nützt nichts mehr. Die Menschen, die ihre Religiosität beibehalten tun dies aus intrinsischen Motiven. Das führt aber auch dazu, dass die moralischen und ethischen Leitlinien der Religion unmittelbar handlungsleitend wirken. Paradoxerweise stärkt dann die Säkularisierung den Effekt von Religiosität auf Einstellungen und Verhalten.

Ergebnisse
Je schwächer in einer Gesellschaft die Norm ausgeprägt ist, religiös zu sein, umso stärker stehen intrinsische Religiosität mit allgemeiner Religiosität in einer Wechselbeziehung. Der Effekt von Religiosität auf moralische Einstellungen und pro-soziales Handeln versärkt sich. Das bedeutet, die Unterschiede zwischen religiösen und nicht-religiösen Menschen sind in säkularen Gesellschaften größer: Die Ablehung liberaler moralische Einstellungen zum Beispiel zu Homosexualität, Abtreibung, Scheidung, Prostitution werden ist stärker; ein Engagement religiöser Menschen in karitativen Vereinen ist wahrscheinlicher; und die Wahrscheinlichkeit kleinere Delikte, beispielsweise Kaufhausdiebstal oder Schwarzfahren, zu berichten ist geringer.

Ein anderes Beispiel sind fremdenfeindliche Einstellungen. Die kirchlichen Positionen gegenüber Migranten und Flüchtlingen hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht grundlegend gewandelt. Die katholische Kirche begeht den Welttag des Migranten und Flüchtlings seit 1914. Dennoch haben sich die Einstellungen religiöser Menschen im Vergleich zu den Nicht-religiösen stark gewandelt. Waren in den 1980er Jahren die Religiösen noch intoleranter als die Nicht-religiösen, hat sich dieses Muster umgekehrt. Heute sind die religiösen Menschen weniger ausländerfeindlich eingestellt. Die These von Dr. Siegers ist, dass Säkularisierung intrinsische Motive für individuelle Religiosität stärkt und religiöse Menschen ihre Einstellungen an an die solidarische Haltung der christlichen Kirchen in Deutschland anpassen. Dazu kommt, dass sich im Zuge der Säkularisierung die Schließung religiöser Milieus (Homophilie) verringert was Kontakte mit Ausländern stärkt und so indirekt Ausländerfeindlichkeit in religiösen Milieus abmildert.