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WiR#digital: Essgewohnheiten – Fleischkonsum in Deutschland

Faktoren für unsere Ernährungsweise

Am 07.09.2020 fand zum dritten Mal das Format „Wissenschaft im Rathaus“ online statt. Laura Einhorn vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln machte dabei deutlich, welche Faktoren die Art unseres Fleischkonsums oder die Entscheidung für eine vegetarische Ernährungsweise maßgeblich beeinflussen.

Nicht erst seit den zuletzt bekannt gewordenen Arbeitsbedingungen in der Fleischbranche steht der exzessive Fleischverzehr in Deutschland im Fokus der öffentlichen Debatte. Zusätzliche Faktoren wie Wasserknappheit, Überdüngung der Böden, vermehrte CO2-Emissionen, Antibiotikaresistenzen und auch die Tierwohlproblematik haben die Diskussion bereits in den vergangenen Jahren verstärkt. Wohl auch deshalb ist die Zahl der Vegetarier*innen und Veganer*innen in Deutschland von 1,6 Prozent auf 4,3 Prozent im Zeitraum von 2006-2016 angestiegen (MENSINK et. Al 2016) – ein Trend, der sich bis heute fortsetzt. Dabei ist dieser Trend in bestimmten Gruppen von Konsument*innen häufiger zu finden als in anderen.

Bisherige Studien zum Fleischkonsum in westlichen Industrienationen zeigen, dass häufiger besonders junge und besonders alte Personen, eher Frauen als Männer und eher Personen mit hohem Bildungsgrad auf Fleisch verzichten oder ihren Fleischkonsum reduzieren. Ein kompletter Verzicht findet sich eher in Single-Haushalten und im städtischen Umfeld.

Soziale Unterschiede bei der Ernährung
In Deutschland essen vor allem Menschen mit höherer Bildung weniger Fleisch oder ernähren sich wahrscheinlicher fleischlos. Nicht-Vegetarier*innen mit höherer Bildung und höherem Einkommen kaufen eher höherwertiges Fleisch. Gemeint sind in dem Fall sogenannte Flexitarie, also Personen, die sich überwiegend vegetarisch ernähren, aber hin und wieder auch hochwertiges Fleisch essen. Studierende und Selbständige ernähren sich häufiger flexitarisch oder vegetarisch, eine höhere Bildung führt aber nicht in allen Berufsgruppen zu reduziertem Fleischkonsum.

Das Einkommen wirkt sich nicht eindeutig auf Fleischverzicht bzw. Fleischreduktion aus. Die Wahrscheinlichkeit einer vegetarischen Ernährung ist bei Personen mit geringem oder hohem Einkommen geringer als bei Menschen in der mittleren Einkommensgruppe. Bezogen auf alle Konsument*innen spielt das Einkommen für die Menge des Fleischkonsums statistisch gesehen keine eindeutige Rolle. Es ist hier jedoch wichtig zwischen verschiedenen Fleischsorten, aber auch zwischen Konsument*innengruppen zu unterscheiden. In verschiedenen Einkommensgruppen variiert der Erwerb von unterschiedlichen Fleischsorten durchaus.

Begünstigungen oder Behinderungen
Je nach aktueller Lebenssituation fällt es unterschiedlich schwer, die Ernährung im Alltag zu ändern. Denn unsere Esskultur ist traditionell fleischbasiert und eine Fleischreduktion bedeutet somit eine Verhaltensveränderung. Menschen, die ihre Ernährung entsprechend umstellen wollen, müssen sich neues Wissen über alternative Rezepte und Zutaten aneignen. Bislang selbstverständliche Routinen bei der Nahrungszubereitung müssen aufgebrochen werden, was auch zu Konflikten im sozialen Umfeld führen kann.

Eine Ernährungsumstellung setzt zudem eine gewisse Experimentierfreudigkeit voraus. Die wird gefördert, wenn Personen, die ihren Fleischkonsum reduzieren wollen, andere Esskulturen und Ernährungsformen kennenlernen. Begünstigt wird das durch Reisen in andere Länder, auswärtiges Essen und Bildung, aber auch durch Kochkurse. Viele dieser Punkte kosten Geld und sind nicht für jeden Menschen gleichermaßen zugänglich.

Um sich alternatives Wissen über die fleischreduzierte Ernährung anzueignen, braucht es jedoch nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Stresssituationen, familiäre Probleme oder Druck im Beruf, erschweren die Ernährungsumstellung. Essen bekommt vor allem in stressigen Zeiten eine Kompensationsfunktion und sorgt für ein emotionales Wohlbefinden. Oft greifen wir dann auf altbewährte Ernährungsmuster zurück.

Die Kölner Wissenschaftsrunde bedankt sich bei Laura Einhorn für ihren interessanten Vortrag.

Video-Statement