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Motorische Kontrolle

Kann man Stürze vorhersagen?

Wer schon einmal gestürzt ist, denkt mehr über das eigene Bewegungsverhalten nach und führt automatisierte Bewegungen oft anders aus. Wie es zu Stürzen kommt, wird schon lange aus unterschiedlichen Perspektiven wissenschaftlich untersucht, ein zuverlässiges Vorhersagetool aber fehlt. Ein Parameter zur bewussten motorischen Kontrolle könnte helfen, sturzgefährdete Personen zu identifizieren und Betroffene dabei unterstützen, die eigene Bewegung richtig einzuschätzen. […]

Eine Folge des Verlustes von Vertrauen in eigene Bewegungsabläufe sind vermehrte Bewegungsunsicherheiten wie häufiges Stolpern oder auch Stürzen. Bis zu 60 Prozent der über 60-Jährigen sind schon mindestens einmal gestürzt. Pro Jahr fallen Menschen in dieser Altersgruppe durchschnittlich 0,7 bis 1,6 Mal. Wissenschaftler*innen beschäftigen sich schon lange damit, wie Stürze entstehen und wie man ihnen vorbeugen kann. Es gibt biomechanische Bewegungsanalysen zum Sturzgeschehen oder sozial-kognitive Befragungen zu Ängsten. Was bisher fehlt, ist ein Faktor, der zuverlässig vorhersagen kann, welche Personen eher sturzgefährdet sind und welche weniger. Ein solcher Kennwert würde helfen, Risikopersonen zu identifizieren und individuelle Maßnahmen zur Vorbeugung entwickeln zu können.

Ziel einer aktuellen Studie des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln war es daher, Anhaltspunkte für einen solchen Vorhersage-Faktor zu finden. Dafür betrachtete ein Team um Dr. Lisa Musculus Stürze aus psycho-motorischer Perspektive. […] Unser Fokus auf psycho-motorische Aspekte bringt über das Reinvestment-Konstrukt die Bewertung der eigenen motorischen Leistungsfähigkeit und Bewegungsaufmerksamkeit mit rein. Reinvestment bedeutet, dass man zusätzlich Aufmerksamkeit in eine Bewegung investiert, die eigentlich automatisiert abläuft; zum Beispiel das Gehen. Man denkt mehr darüber nach, wie man die Bewegung ausführt. Das ist nicht unbedingt funktional und kann sogar zu Bewegungsfehlern führen. […]

In ihrer Studie begleiteten die Wissenschaftler*innen 21 Menschen im Alter von 75 bis 96 Jahren zwei Monate lang. 17 von ihnen waren in der Vergangenheit bereits gestürzt. Um die Teilnehmer*innen vor Interventionsbeginn in die zwei Gruppen „sturzgefährdet“ und „nicht sturzgefährdet“ einteilen zu können, wurden sie mit Hilfe der sogenannten bewegungsspezifischen Reinvestment-Skala befragt. Die Skala hilft, messbar zu machen, wie sicher sich die Studienteilnehmer*innen bewegen und wie intensiv sie über ihre Bewegungen nachdenken. […]

Die Auswertung zeigt: Während des Interventionszeitraums stürzten fünf Personen zum Teil mit Verletzungsfolgen. Zwölf stolperten. Auffällig war, dass Personen, die im Untersuchungszeitraum gestürzt oder gestolpert waren, bei der Befragung vorab tatsächlich überwiegend einen höheren Wert – also eine höhere Zustimmung zu den Aussagen im Teilbereich der bewussten motorischen Verarbeitung – erzielt hatten. Sie hatten signifikant häufiger bewusst über ihre Bewegungen nachgedacht. Wie selbstbewusst sie in ihrer Bewegung waren, machte keinen Unterschied im Hinblick auf spätere Sturzgeschehen. […]

Älteren Menschen, die feststellen, dass sie ungewöhnlich häufig und intensiv über ihre Bewegungen nachdenken, rät Musculus daher zu einem begleiteten Bewegungssicherheitstraining. In einem solchen Training werde das individuelle Bewegungsverhalten mit Hilfe von Sporttherapeut*innen oder Sportpsycholog*innen genau erfasst. […]

Vollständige Quelle: DSHS Köln