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Klimaneutrale Gebäude

Ist das erhaltenswert oder kann das saniert werden?

Der Gebäudebestand in Deutschland soll bis 2045 klimaneutral sein. Von den dafür notwendigen umfangreichen Sanierungsmaßnahmen könnten denkmalgeschützte oder „erhaltenswerte“ Bauwerke ausgenommen sein. Aber was genau bedeutet das und wie viel Prozent des Gesamtbestands sind betroffen? Studierende der TH Köln stellen auf dem „Pop-up Campus Zukunft Bau“ in Aachen ihre Ergebnisse zu dieser Frage vor.

19,3 Millionen Wohngebäude stehen in Deutschland – und die meisten davon müssten saniert werden, damit sie klimaneutral werden. „Drei Prozent all dieser Objekte sind denkmalgeschützt. Hier sind insbesondere Maßnahmen an der Hülle kaum durchführbar und deshalb vom Gesetz ausgenommen. Das Gleiche gilt für ‚erhaltenswerte‘ Gebäude, obwohl es dafür keine Legaldefinition gibt“, sagt Prof. Thorsten Burgmer, der zusammen mit Prof. Dr. Daniel Lohmann und Gerit Yonny Godlewsky von der Fakultät für Architektur das Projekt an der Hochschule leitet. Auf dieser Basis gingen sie mit einer Gruppe von Studierenden auf Spurensuche und zählten zunächst einmal Häuser in Bergisch Gladbach.

Interview mit Masterstudentin Fela Bancken und Bachelorstudentin Sarah John.

Frau Bancken, Frau John, was war Ihre Aufgabe im Projekt?
Bancken: Wenn unser Gebäudebestand bis 2045 klimaneutral sein soll, dann entsteht ein Konflikt zwischen dem Erhalt von Baukultur und der Sanierung ineffizienter Häuser. Unsere erste Frage war daher: Wie viele baukulturell wertvoll, also erhaltenswerte, Bauwerke gibt es überhaupt und wie groß ist demnach der Konflikt? Daher haben wir am Beispiel von Bergisch Gladbach begonnen, den Bestand zu erfassen und von den dortigen rund 26.000 Wohngebäuden knapp 1.900 fotografiert und dokumentiert. Das hat etwa 400 Stunden gedauert.
John: Da es keine offizielle Definition für den Begriff ,erhaltenswert‘ gibt, haben wir selbst eine entwickelt und die Häuser danach bewertet, ob sie zum Beispiel eine herausragende Bautradition widerspiegeln, stadtbildprägend sind, einen besonderen Stil oder eine schützenswerte Fassade haben. Auf Grundlage von insgesamt acht Kriterien haben wir dann ein Fazit gezogen, ob ein Objekt erhaltenswert ist oder nicht. Zudem haben wir Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen hinzugefügt. Wichtig ist dabei: ‚Erhaltenswert‘ meint nicht, ob ein Gebäude abgerissen werden soll oder nicht. Sondern ob es aufgrund seiner Gestaltung oder Wirkung für den Stadtraum äußerlich unverändert bleiben sollte.

Wie viele Häuser in Bergisch Gladbach sind nach Ihrer Bewertung erhaltenswert, Frau John?
Nach unseren Kriterien sind es ziemlich genau neun Prozent. Allerdings ist unser System sicher noch nicht perfekt, daher kann man davon ausgehen, dass dort deutlich mehr erhaltenswerte Bausubstanz steht. Wenn man die drei Prozent denkmalgeschützte Gebäude hinzunimmt, käme man auf einen erheblichen Anteil von Häusern, bei denen energetische Sanierungen nicht verpflichtend wären. Jetzt stellt sich zum Beispiel die Frage, ob wir uns dies als Gesellschaft leisten können und wollen?

Sie waren ja auf der Straße unterwegs, um die Daten zu sammeln. Wie waren die Reaktionen der Menschen vor Ort, Frau Bancken?
Sehr gemischt. Manche waren sehr interessiert, haben uns zum Kaffee eingeladen oder extra für uns noch das Baujahr ihres Hauses aus Unterlagen rausgesucht. Andere waren sehr ablehnend vor allem aus der Angst heraus, dass etwas mit ihrem Eigentum passiert, sich jemand einmischen will oder sie gezwungen werden zu sanieren. Es gab auch Polizeieinsätze, weil Menschen nicht wollten, dass wir in ihrer Straße fotografieren, obwohl das völlig legal ist.

Wie geht es jetzt weiter im Projekt?
Bancken: Das Modul, in dessen Rahmen wir die Daten erhoben und ausgewertet haben, endet mit der Ausstellung hier auf dem Pop-up Campus. Zu jedem untersuchten Haus haben wir eine Karteikarte erstellt, mit denen wir die Wände tapeziert haben. Die Besucherinnen und Besucher sind in einer Umfrage eingeladen zu entscheiden, was für sie erhaltenswert ist. Vielleicht gibt es ja eine ganz andere Einschätzung als unsere. Wir konnten unsere Ergebnisse zudem der Bundesbauministerin Klara Geywitz vorstellen, die sich sehr interessiert zeigte. Darüber hinaus gab es ein Symposium, an dem wir uns zum Thema „Anders mit Ort und Bestand umgehen“ beteiligt haben.
John: Viele Fragen sind auch noch offengeblieben und sollen in Nachfolgeprojekten erforscht werden: Stimmen unsere Kriterien oder muss es hier Anpassungen geben? Was bedeuten diese Zahlen für unseren Umgang mit älterer Bausubstanz und wie viele Gebäude dürfen weitgehend unangetastet bleiben, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen? Welche Abstufungen zwischen Vollsanierung und Originalzustand sind denkbar? Und ehrlicherweise müssen wir uns auch mit der Frage auseinandersetzen, ob wir uns Einschränkungen beim Klimaschutz überhaupt noch leisten können?

Vollständige Quelle: TH Köln