© TH Köln | Heike Fischer

Interview mit Dr.-Ing. Hannah Flock

Promotion an Hochschulen für angewandte Wissenschaften

Dr.-Ing. Hannah Flock promovierte kooperativ an der TH Köln und der Universität des Saarlandes (UdS) zum Thema ‘Einzelfadenverklebung in der Gemälderestaurierung: Klebstoffe, Prüfsystematik und Ergebnisse’.

Beschreiben Sie bitte kurz, womit Sie sich in Ihrem Promotionsprojekt beschäftigt haben.
In der Gemälderestaurierung hat sich die Einzelfadenverklebung als Maßnahme zur Behandlung von Durchtrennungen in textilen Bildträgern in den vergangenen Jahren etabliert. Man strebt mit dieser Verklebungstechnik die Wiederherstellung der mechanischen Eigenschaften und visuellen Erscheinung des ursprünglichen Textilverbunds ohne abweichende Eigenschaften durchgehender Verklebungen an. Diese Technik birgt das hohe Potential, minimal-invasiv zu behandeln und dabei trotz dessen die strukturelle Unterstützung zu leisten, der es für einen langfristigen Kunst- und Kulturerhalt bedarf. Grundlage des kooperativen Promotionsprojekts stellte meine Masterthesis aus dem Jahr 2013 zum Thema „Neue Untersuchungen zur Rissschließung in Leinwandbildträgem: Uni- und biaxiale Zugprüfungen an Prüfkörpern aus verklebtem Leinengarn und -gewebe sowie freien Klebstofffilmen“ dar. Ziel der Thesis war es, die Klebstoffevaluierung anhand übergreifender Testreihen durchzuführen, welche die Bezüge und Abhängigkeiten unterschiedlicher Klebstoffe, Verklebungstechniken und Prüfmethoden darstellen. In Kooperation mit dem Lehrstuhl für Technische Mechanik (LTM) an der Universität des Saarlandes (UdS) wurde dabei erstmalig auch ein biaxialer Versuchsaufbau herangezogen.

Im Rahmen meiner kooperativen Promotion erfolgte die Fortführung, Vertiefung und Erweiterung der Thematik, um tiefere Erkenntnisse im Forschungsfeld der Verklebung von Rissen und Schnitten erlangen zu können. Die restauratorische Technik der Einzelfadenverklebung zur Schließung von Durchtrennungen in textilen Bildträgern von Gemälden erfolgte dabei mittels Feinwerkzeugen unter dem Mikroskop in unterschiedlich möglichen Verbindungstechniken sowie mit verschiedenen Klebstoffoptionen an Probekörpern. Das Anforderungsprofil an die Klebstoffe gestaltet sich als äußerst komplex, sodass der Schwerpunkt der Forschung die Evaluierung unterschiedlicher Klebstoffanwendungen durch Material- und Werkstoffprüfungen, vornehmlich uni- und biaxiale Zugprüfungen, war. Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang u.a. die Erzielung homogener, reproduzierbarer Verklebungsqualitäten, die Wiederherstellung der ursprünglichen mechanisch-physikalischen Eigenschaften, die Beständigkeit der Verklebung unter dauerhafter Bildspannung, das Alterungs- und Langzeitverhalten, die Kompatibilität mit den originalen Gemäldebestandteilen sowie eine langfristige Wiederbearbeitbarkeit des Systems. Übergeordnete Ziele der Dissertation waren unmittelbare Leitlinien zur Materialprüfung sowie Klebstoffanwendung für Gemälderestauratoren. Durch die fachübergreifende Kooperation des LTM der Universität des Saarlandes mit dem CICS der TH Köln konnte optimal von den gegenseitigen Erfahrungen und Möglichkeiten im interdisziplinären Austausch profitiert werden, um wichtige Grundlagen der Material- und Werkstoffprüfung in der Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft zu etablieren.

Sie haben kooperativ an der Universität des Saarlands promoviert. Wie verlief die Zusammenarbeit von der ersten Kontaktaufnahme bis hin zu Ihrer erfolgreichen Promotion?
Bereits im Zuge meines Masterprojekts hatte ich 2013 Kontakt zum Lehrstuhl für Technische Mechanik der Universität des Saarlandes (UdS) aufgenommen, da ich gerne biaxiale Zugprüfungen umsetzen wollte. Der leitende Professor Dr.-Ing. Stefan Diebels war der interdisziplinären Zusammenarbeit gegenüber sehr aufgeschlossen und hat mir ermöglicht, dort Versuche für meine Masterarbeit umzusetzen. Nach Abschluss des Masterstudiums war ein erster Anfang gemacht, viele Fragen blieben jedoch offen bzw. hatten sich neu ergeben; ich wollte gerne die Arbeit an dem Thema fortsetzen. Herr Prof. Dr.-Ing. Diebels bot mir an, mich als Doktorandin aufzunehmen, sodass ich dann die kooperative Promotion an der UdS und der TH Köln (nach einem Jahr Pause und selbstständiger beruflicher Tätigkeit als Gemälderestauratorin) 2014 beginnen konnte. Da ich einen Master of Arts an der Fakultät der Kulturwissenschaften der TH Köln erworben hatte, nun jedoch an der Naturwissenschaftlich-Technischen Fakultät der UdS zum Doktor der Ingenieurwissenschaften promovieren wollte, war meine Aufnahme in die Promotionsliste mit Auflagen verbunden. Im Zuge der Promotion musste ich nachträglich Kurse in den Material- und Werkstoffwissenschaften besuchen und nachträgliche Prüfungsleistungen erbringen, z.B. in Statik und Festigkeitslehre, zu Polymerwerkstoffen, Klebstoffen und Klebstofftechnologie sowie experimenteller Mechanik oder Kontinuumsmechanik. Die im Rahmen der Prüfungen erfolgreich erworbenen Credits musste ich dann mit der Abgabe meiner Dissertation nachweisen, um das Promotionsverfahren eröffnen lassen zu können. Nach der Abgabe musste ich mich dann erstmal gedulden, bis alle Gutachten vorlagen und die Verteidigung anberaumt werden konnte.

Welche Erkenntnis während des Forschens war für Sie die Wertvollste?
Da es sich um ein stark anwendungsbezogenes, interdisziplinäres Forschungsthema handelt, waren die Erkenntnisse mannigfaltig. Eine der wichtigsten Erkenntnisse war jedoch leider, wie unzureichend die wissenschaftliche Bearbeitung des Themas bislang ist, da bisher kaum systematische Erforschung stattgefunden hatte und die praktische Anwendung in der Restaurierung stark empiriegeleitet ist: Sich zuvor bereits mit dem Thema befasste Arbeiten weisen zumeist das Problem unzureichender Vergleichbarkeit untereinander sowie keine zufriedenstellenden Übertragbarkeiten auf die konkret zu behandelnden Gewebestrukturen innerhalb der Objekte auf. Eine besondere Herausforderung bei Anwendung der Einzelfadenverklebungstechnik liegt beispielsweise in der dauerhaften, biaxialen Aufspannung der behandelten Gemälde; es bedarf somit der wohlbedachten Auswahl zuverlässiger Klebstoffsysteme, welche nicht nur zunächst zufriedenstellende Verklebungen ermöglichen, sondern sich speziell unter dauerhafter Aufspannung in ihren mechanischen Eigenschaften bewähren. Die grundsätzliche Frage nach einer geeigneten Prüfsystematik zur Charakterisierung und Bewertung der Verklebungen im Anwendungsfall konnte jedoch zuvor noch nicht beantwortet werden. Im Kontext der Evaluierung der mechanischen Klebstoffeigenschaften stellt sich dabei mitunter als zusätzliche Hürde dar, dass wesentliche Grundlagen der Materialwissenschaften bislang keinen festen Bestandteil des Hochschulstudiums der Konservierungs- und Restaurierungswissenschaften darstellen. Dies bedingt, dass mitunter auch ein fehlendes Verständnis der mechanischen Hintergründe wichtiger Grundlagenforschung im Wege steht. Wie wesentlich diese Verschränkung mit Grundlagen der Physik in unserem Berufsfeld als Restauratoren jedoch ist und wie stark wir davon profitieren können, wenn wir mehr solches Grundlagenverständnis implementieren, war immer wieder augenöffnend.

Wie gestaltete sich die Finanzierung Ihrer Promotion?
Ich hatte ein Promotionssstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes für die Maximalförderdauer, zudem war ich auf Basis der zusätzlich zum Stipendium zulässigen Beschäftigung (25% bzw. 10 WS) als wissenschaftliche Mitarbeiterin (WMA) am CICS – Cologne Institute of Conservation Sciences der TH Köln für die Materialprüfung in den Naturwissenschaften angestellt. Im Rahmen der Stelle als WMA konnte ich so unmittelbar eine interdisziplinäre Bedarfslücke am Institut im Zuge meiner beruflichen Weiterqualifikation schließen. Zugegeben wäre es aber ohne Ersparnisse und familiäre Unterstützung eng geworden, es war insgesamt eine Mischkalkulation ohne großen Luxus.

Sie haben nun Ihre Promotion mit „summa cum laude“ abgeschlossen. Was sind Ihre nächsten Ziele?
Ich habe gemeinsam mit meiner Kollegin Dipl.-Rest. Petra Demuth eine Projektförderung im Rahmen der Conserving Canvas Initiative der Getty Foundation erhalten. Im Zuge dieses neuartigen Projekts, mit Namen Fusion 1: mare nostrum, liegt der Fokus auf einem Digital Teaching Workshop, der sich an Restauratoren im Mittelmeerraum zur Fortbildung hinsichtlich minimal-invasiver Behandlungen von textilen Bildträgern richtet. Dort werden also auch sämtliche Ergebnisse meiner bisherigen Forschungsarbeit einfließen. Natürlich schmiede ich aber auch bereits neue Pläne, wie es ab Sommer 2022 danach mit der Forschung weitergehen könnte. Ich habe da schon so einige Ideen in der Vorbereitung…

Vollständige Quelle: Hochschulnetzwerk NRW