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Hinter den Kulissen: Prof. Zorn

Forschende aus Köln stellen sich vor

Kurzinterview mit Prof. Dr. Isabel Zorn von der TH Köln

Frau Prof. Dr. Zorn, Sie leiten an der TH Köln den Forschungsschwerpunkt „Digitale Technologien und Soziale Dienste – DITES“. Warum ist die Forschung in diesem Kontext wichtig?
Die Einführung von digitalen Arbeits-, Kommunikations- und Alltagsunterstützungstechnologien beeinflusst nicht nur konkrete Interaktionen oder die Ausgestaltung von Arbeitsprozessen. Sie erlauben über die Bündelung von Angeboten auch neue Formen von Dienstleistungen, sie transformieren die Lebens- und Familiengestaltung. Mit Technologien auf Basis von Big Data Analytics lassen sich Diagnosen auch in der Sozialen Arbeit treffsicherer erstellen, dies wirft aber auch neue Fragen danach auf, wer Entscheidungen treffen sollte und wie das Verhältnis zwischen datengestützter Auswertung und fachlicher menschlicher Expertise und Verantwortung gestaltet werden sollte, wenn beispielsweise eine Entscheidung getroffen werden muss, ob ein Kind in Obhut genommen werden sollte. Es ist zu planen, wie Technologien ethisch und sozialverträglich entwickelt werden sollen. Die Potenziale und Risiken von Online-Beratungsformen in sozialen Diensten oder von ChatBots bei der Suche nach Informationen oder von der Zusammenarbeit mit Influencern für die Informationsvermittlung sind zu eruieren.
Der Forschungsschwerpunkt DITES umfasst eine zweistellige Zahl von Professuren und weiteren Mitgliedern, die aus diversen Disziplinen Technologien entwickeln, designen, analysieren und Wissen darüber vermitteln.

Woran forschen Sie aktuell und wer profitiert von Ihren Forschungsergebnissen?
Pflegende Familien sind leider meist überlastet und haben einen großen und spezifischen Informationsbedarf, der durch offizielle Stellen nicht immer ausreichend gedeckt wird. Im beantragten Projekt “Pflegeschätze” suchen wir Eltern, die bei der Pflege ihrer behinderten oder kranken Kinder Erfahrungen gewonnen haben, wie sie Pflege, Alltag, Klinik- und Urlaubsaufenthalte und vieles mehr gestalten können. Wir gehen davon aus, dass pflegende Eltern pfiffige Ideen entwickelt haben, die sowohl anderen Eltern als auch der Pflegeausbildung zur Verfügung gestellt werden sollten. Dazu wollen wir ein soziotechnisches Tool entwickeln, das diese “Pflegeschätze” visuell aufbereitet und für alle leicht verstehbar verfügbar macht.
Im Projekt INTIA erforschen wir aus der Perspektive der Sozialen Arbeit, der Informatik und des Service Designs, wie benachteiligte Jugendliche, Menschen mit Behinderungen oder Fachkräfte der Sozialen Arbeit an Ideenfindungsprozessen beteiligt werden können, um daraus partizipativ Technologien zu entwickeln, die sie bei der Alltagsbewältigung unterstützen. Wir erforschen inklusives Arbeiten in Technikprozessen und entwickeln Methoden und Materialien für inklusive Technikentwicklung (https://intia.de/ )

Inwieweit können digitale Medien eine Teilhabe von Menschen mit Behinderungen unterstützen?
Fast alle Menschen nutzen digitale Medien für ihre Alltagsbewältigung und gesellschaftliche Teilhabe. Wir planen Zusammenkünfte, Freizeitaktivitäten, Reisen, Beziehungen, Arbeit und Familie oder das Einkaufen und Finanzen mithilfe der digitalen Tools. Auch Einrichtungen der Behindertenhilfe entdecken zunehmend, dass kleine und große Tools für die Klient:innen für die Gestaltung ihres Alltags nützlich sein können: Mit der Wheelmap teilen Menschen Informationen über Barrierefreiheit von Gebäuden oder Haltestellen, mit SmartHome-Technologien oder Umfeldsteuerung können Licht, Rolläden oder das Öffnen der Wohnungstüre auch bei eingeschränkten motorischen Bewegungsmöglichkeiten bedienbar sein. Zudem sind Informationen beispielsweise über Recht, über Produkte und Hilfsmittel, über Unterstützungsstrukturen leichter zugänglich und im Rahmen kollegialen Austauschs teilbar. Text-to-Speech Module können Texte vorlesen für Menschen, die lieber hören; Übersetzungsapps helfen bei Sprachhindernissen; und Augen-, Kopf- oder Zungensteuerungen ermöglichen die Bedienung eines Computers auch bei komplexen Einschränkungen.

Was machen Sie am liebsten, wenn Sie nicht gerade arbeiten?
Grillen im Hof oder Etappenwanderungen und Radtouren mit viel Naturkontakt und weiter Sicht. Das lässt mich am schnellsten erholen. Für die Etappenplanung wird dann aber doch wieder der kleine digitale Alltagsbegleiter zu Rate gezogen.

ZUR PERSON
Prof. Dr. Isabel Zorn forscht und lehrt an der TH Köln auf der Schwerpunktprofessur Digitalität und soziale Transformation. Sie ist aktuell Institutsleiterin des Institut für Medienforschung und Medienpädagogik sowie Leiterin des Forschungsschwerpunkt DITES – Digitale Technologien und Soziale Dienste an der TH Köln und Mitglied des Forschungsschwerpunkt „Medienwelten“. Forschung: Digitalisierung in der Sozialen Arbeit und soziale Transformation, Medienbildung und Technologieentwicklung und Inklusion, Mediendidaktik, Berufliche Bildung und Inklusion. Isabel Zorn hat diverse BMBF-Projekte geleitet, u.a. Entwicklungen eines Methodenportals für inklusive Technologieentwicklung www.intia.de sowie eines Baukastens zu Medienkompetenzen für die inklusive berufliche Ausbildung www.idit.online/.