© Doris Hattenberger/Frank Wassermann

Hinter den Kulissen: Prof. Stöger & Prof. Rappe

Forschende aus Köln stellen sich vor

Kurzinterview mit Prof. Dr. Christine Stöger (Musikpädagogik) & Prof. Dr. Michael Rappe (Poptheorie) von der Hochschule für Musik und Tanz (HfMT)

Zurzeit erforschen Sie gemeinsam in einem Projekt die Aneignungs- und Bildungsprozessen im Breaking (Breakdance). Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Arbeit?
Viele Bildungsprozesse verlaufen im informellen Raum. Sie sind hoch bedeutsam für die Menschen und ihre Dynamik und Wirkung war lange Zeit wenig beachtet. Breaking ist ein gutes Beispiel dafür. Es handelt sich um eine offenbar hoch motivierende künstlerische Ausdrucksform, die Menschen schon seit fast 40 Jahren dazu antreibt, sich zu fordern und an ihre Grenzen zu gehen. Auch wenn sich mittlerweile Kurse etabliert haben und eine gewisse Formalisierung des Lernens zu beobachten ist, kann man in diesem Bereich eine reichhaltige und sich selbst regulierende Lernkultur entdecken. Es ist unser Ziel, diese Bildungsprozesse sichtbar und in ihrer Dynamik verstehbar zu machen. Letztlich sind wir davon überzeugt, dass sich daraus viel für das institutionelle Bildungswesen lernen lässt.

Was macht den Breakdance so besonders, dass Sie ihn zum Forschungsgegenstand machen?
Breaking ist eine Tanzpraxis, die B-Boys und B-Girls das Entwickeln eines persönlichen Ausdrucks abverlangt, also eines unverwechselbaren „Style“. Diese Botschaft wird explizit oder implizit von Anfang an vermittelt. Natürlich muss man auch hier Grundlagen in Bezug auf das Bewegungsrepertoire, die Musik, die Orte und Weisen der Aufführung etc. lernen. All dies ist aber nur der Untergrund für das Ziel, seinen Stil zu finden. Diese Verpflichtung auf eine tänzerische Identität führt zu einer intensiven Beschäftigung mit sich selbst und zwar in einer Tanzpraxis, die stark improvisierend und in einem kompetitiven Austausch mit anderen abläuft. Wenn sich B-Boys und B-Girls in einem Cipha (dem typischen Tanzkreis) treffen, dann weiß niemand, was genau geschehen wird. Man reagiert auf der Grundlage seines Könnens auf die anderen. Faszinierend ist aber auch, dass mit diesem hohen Verweis auf den persönlichen Stil, jede/r die Chance hat, sich einzubringen. Schließlich gehört es zum Wesen dieser Tanzpraxis, dass man kontinuierlich voneinander lernt und der Wechsel zwischen „Lehrendem“ und „Lernendem“ blitzschnell vonstatten gehen kann: „each one teach one“. Besonders ist aber auch, dass sich diese Tanzpraxis, wie überhaupt die Hip-Hop Kultur so lange hält und dabei immer neue Formen annimmt.

Eine Zusammenarbeit profitiert in der Regel von unterschiedlichen Ansätzen und Betrachtungsweisen. Wie haben Sie sich die Projektarbeit aufgeteilt und wer verfolgt dabei welchen Schwerpunkt?
Wir genießen an dieser Zusammenarbeit gerade unsere Unterschiedlichkeit. Auf der einen Seite gibt es den Poptheoretiker, der in und mit der Hip-Hop-Kultur aufgewachsen ist und Zugang zur Szene hat. Auf der anderen Seite eine vornehmlich klassisch sozialisierte Musikpädagogin, die in der Ausbildung von Lehramtsstudierenden arbeitet und sich für Bildungsprozesse in informellen Kontexten interessiert. Wir vertreten also die poptheoretische und die pädagogische Seite dieses Projektes und schließen somit an unterschiedliche theoretische Hintergründe an. In dem Prozess der Vorbereitung und Durchführung von Interviews mit B-Boys und B-Girls mehrerer Generationen und in den Beobachtungen von Jams hat sich unser extrem divergierender Zugang zum Thema als besonders fruchtbar erwiesen. So wurde schnell klar, dass der Blick einer interessierten Außenstehenden zu Antworten der Betroffenen führte, die sich einem Insider nicht unbedingt eröffnen. Die vielen Kontexte des Breaking, das ja Teil der interdisziplinären Kultur des Hip-Hops ist, und vor allem der Zugang zur Szene wäre wiederum ohne einen Insider nicht denkbar gewesen.

Woher kommt Ihre Begeisterung für die Musik und inwieweit beeinflusst sie Ihr Privatleben?
Rappe: Zeit meines Lebens bin ich, um es anglophon auszudrücken, „strictly into pop“. Als aktiver Teil unterschiedlicher Szenen, als Musiker, Kulturmanager und als Professor erlebte und erlebe ich die reichhaltigen Facetten (insbesondere afrodiasporischer) Populärer Kulturen. Ihre teilweise explizite Auseinandersetzung mit Themen wie Migration oder Rassismus erlauben mir, andere Sichtweisen auf die Welt kennenzulernen. Ich bin dadurch auch konfrontiert mit Perspektiven, die sich dezidiert gegen meine ethnisch-soziale Herkunft oder meinen sozialen Status richten. Hier fühle ich mich gefordert, Ambivalenzen auszuhalten, Stellung zu beziehen, beispielsweise nicht „positiv rassistisch“ zu sein und die jeweiligen ästhetischen und sozialen Anliegen ernst zu nehmen und in meine Arbeit zu integrieren.

Stöger: Für mich war Musik, insbesondere das aktive Musizieren, ein so selbstverständlicher Bestandteil von frühester Kindheit an, dass sich die Frage nach der Begeisterung gar nicht an einem Punkt oder einer Situation lokalisieren lässt. Sie war eingebettet in die Kindheit und Jugend. Mit der Zeit kamen dann zu den musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten, die man nicht mehr missen möchte, immer mehr Dimensionen hinzu, Musik als Erkenntnisquelle oder -anlass zu erfahren und sich darin zu vertiefen. Privat zehre ich natürlich von diesem Erfahrungsschatz, bin aber immer wieder besonders durch musikalische Erfahrungen aktiviert, die mir fremd sind und mein bisher vertrautes Referenzsystem irritieren.

ZU DEN PERSONEN
Prof. Dr. Christine Stöger studierte Musik für das Lehramt und Konzertfach an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien sowie Pädagogik an der Universität Wien. Sie war von 1985 bis 2003 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Musikuniversität Wien und arbeitete von 1987 und 2002 als Musikpädagogin an einer Wiener Schule. Der Forschungsschwerpunkt Kreativität führte 2000 zu einem Auslandssemester in den USA. 2001 gründete sie das „Musikpädagogischen Zentrum“ zur Vernetzung der Universität mit musikpädagogischen Berufsfeldern. Seit 2003 ist sie Professorin für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Musiklehrerbildung vom Studium bis in den Beruf, Kreativität, Mentoring von Musiklehrenden, „Lebenslanges Lernen“, Musiklernen in informellen Kontexten, kulturwissenschaftlich orientierte Musikpädagogik.

Prof. Dr. Michael Rappe studierte in Kassel Soziologie, Biologie und Musik und war als Kulturmanager, Rapper, Trompeter, Musikpädagoge und DJ tätig. Daneben war er zehn Jahre Lehrbeauftragter für Poptheorie am Institut für Musik der Universität Kassel und vom Oktober 2002 bis April 2005 Kursbereichsleiter der Offenen Jazz Haus Schule in Köln. Seit 2004 ist er Professor für Geschichte und Theorie der Populären Musik an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Schwerpunkt seines wissenschaftlichen und publizistischen Arbeitens war und ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte, der Ästhetik und den soziokulturellen Bedingungen afrodiasporischer Musikkulturen – vom Blues über Jazz bis zum Hip Hop. Darüber hinaus engagiert er sich im Bereich der Lehrerfortbildung (u.a. Goethe Institut, Bundesverband Musikunterricht e.V.) und bietet als systemischer Berater (SG) Beratungen und Einzelcoachings im Bereich der persönlichen Berufswegeplanung an.