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Hinter den Kulissen: Prof. Schneider

Forschende aus Köln stellen sich vor

Kurzinterview mit Prof. Dr. Anna Schneider von der Hochschule Fresenius

Sie beschäftigen sich mit dem Thema Interoperabilität in der interpersonellen Kommunikation. Was versteht man darunter?
In meiner Forschung, die ich gemeinsam mit einem wunderbaren Team von Kollegen aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen vorantreibe, befasse ich mich mit der interpersonellen Kommunikation. Ganz konkret beschäftigen wir uns damit, wie und aus welchen Gründen Menschen miteinander kommunizieren. Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie nie. Neben der klassischen Telefonie, E-Mail und SMS können wir heutzutage auch beispielsweise noch mittels WhatsApp, Instagram, Threema, Facebook und Facebook Messenger miteinander in Kontakt treten. Bei SMS, E-Mail oder auch der Telefonie spielt es überhaupt keine Rolle, welchen Telefonanbieter wir haben, oder auch welches Gerät wir nutzen. Grundsätzlich ist das bei den sogenannten Over-the-Top Angeboten wie WhatsApp und Co. genauso. Dennoch: Es ist bislang nicht möglich, zum Beispiel eine Nachricht per WhatsApp an jemanden zu senden, wenn wir diese App nicht auf unserem Gerät installiert haben. Interoperabilität bezeichnet im Grunde genommen die Fähigkeit von Programmen oder Systemen, mit anderen gegenwärtigen oder zukünftigen Programmen/Systemen zusammenzuarbeiten bzw. zu interagieren. Und ebendiese Interoperabilität soll – so forderte es beispielsweise Katarina Barley – nun auch für Dienste wie WhatsApp, Facebook Messenger und Co. gewährleistet werden. Hiermit sollten nicht zuletzt die Nutzer dieser Dienste vor den sogenannten Lock-in-Effekten bewahrt werden. Dies wird insbesondere bei Diensten gefordert, die darüber hinaus datenschutzrechtlich als bedenklich eingestuft werden. Das ist natürlich generell ein guter Ansatz.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, bei der Betrachtung von interpersonellen Kommunikationsservices, die Sicht der Nutzer*innen einzunehmen?
Wie gerade schon gesagt, ist aus politischer und regulatorischer Sicht die Forderung nach Interoperabilität grundsätzlich verständlich. Nun ist es aber so, dass Nutzer*innen diese Interoperabilität klar ablehnen. Wir haben fast 70 persönliche qualitative Interviews mit Nutzer*innen dieser Dienste geführt und dann auch noch eine bevölkerungsrepräsentative Befragung mit über 2.000 Deutschen durchgeführt. Hier konnten wir zeigen, dass die Vielzahl an Diensten längst von den Nutzer*innen sehr bewusst orchestriert wird, um mit unterschiedlichen Kontakten zu kommunizieren. Dabei spielt es eine entscheidende Rolle, wie nah uns die jeweiligen Menschen stehen. In der sogenannten „Orientierungsphase“, in der man sich einander erst einmal kennenlernt und einander näherkommt, werden insbesondere Dienste wie Tinder oder Lovoo genutzt. Je enger man der Person steht, desto eher wird hingegen auf Dienste zurückgegriffen, die den Kontakt mit allen Sinnen ermöglichen wie zum Beispiel Skype. Fragt man Nutzer*innen danach, wie sie es fänden, wenn ein Tinder Kontakt einem plötzlich WhatsApp Nachrichten schicken könnte, reagieren sie entsetzt. Denn: Die Vielzahl von Kommunikationskanälen wird von ihnen sehr sorgfältig kuratiert, um zwischen verschiedenen Kontaktgruppen zu differenzieren. Es scheint mittlerweile auch eine Art gesellschaftliches Verständnis zu geben, welche Kanäle wann und mit wem angemessen sind. Das zeigten unsere Studien sehr eindrucksvoll. Und diese Ergebnisse zeigen eben auch auf, dass politische und regulatorische Entscheidungen die Bedürfnisse der Nutzer*innen berücksichtigen sollten. Denn Politik wird doch für den Menschen gemacht.

Worin besteht der Nutzen solcher Services und wo sehen Sie Risiken?
Diese Services ermöglichen es uns in Zeiten der Globalisierung aber auch akut – in Zeiten der Corona Pandemie – mit unseren Liebsten in Kontakt zu gehen. Aber nicht nur das – die Kommunikation ist vielfältiger und bunter denn je. Denken wir an die klassische SMS, so ist die Kommunikation per WhatsApp und Co. deutlich natürlicher und weniger „technisch“. Schließlich muss man nicht mehr die eigenen Nachrichten so lange ändern, bis die Botschaft in 160 Zeichen passt. Zudem können wir Bilder und Videos versenden und über die Dienste auch telefonieren bzw. Videogespräche führen. Vor allem dann, wenn zwei Menschen über Ländergrenzen hinweg in Kontakt kommen möchten, hat dies nicht zuletzt im Vergleich zur klassischen Festnetztelefonie auch deutliche Kostenersparnisse zur Folge.

Risiken sehe ich einige; mittlerweile ist insbesondere WhatsApp in vielen Runden zum Standard-Kanal geworden. Man denke hier an Sportvereine, aber auch Schulen und Kitas. Nutzt man diesen Kanal also nicht, bleiben wichtige Informationen auf der Strecke, man wird also ein Stück weit ausgegrenzt, wenn man sich nicht fügt und die App installiert. Eine weitere Gefahr sehe ich in der ständigen Verfügbarkeit. Hier ist aber festzustellen, dass sich immer mehr Verbraucher*innen emanzipieren und beispielsweise die Notifcations (Information ob Nachrichten gelesen wurden, Informationen über neue Nachrichten) bewusst ausstellen. Das man nicht mehr dazu angehalten ist, ständig sofort zu antworten, erleichtert einen doch erheblich, weil die ständige Überreizung abgeschwächt wird. Zuletzt sehe ich eine Gefahr darin, dass Nutzer*innen immer jünger werden, obwohl doch ein gewisses Mindestalter eigentlich Voraussetzung für die Nutzung der Dienste ist. Hier bedarf es also Eltern, die sich mit der Technik auseinandersetzen und ihre Kinder nicht nur für die Vorteile, sondern auch für eine bewusste und umsichtige Nutzung sensibilisieren.

Was machen Sie am liebsten, wenn Sie nicht gerade forschen und lehren?
Neben meiner Tätigkeit in der Hochschule bin ich auch freiberuflich in der Forschung und Beratung tätig, denn ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Umso schöner, dass ich dieser Eigenschaft und großen Leidenschaft beruflich nachgehen kann. Darüber hinaus habe ich große Freude daran, mich mit Freunden und der Familie zu gemeinsamen Kochabenden zu treffen. Gerne versuchen wir uns dann auch an Rezepten, die wir aus Urlauben mitgebracht haben.

ZUR PERSON
Anna Schneider ist promovierte Psychologin und Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius. In Forschung und Lehre beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf das Verbraucherverhalten. Ihre Analysen, die das gesamte Spektrum qualitativer und quantitativer Methoden abdecken, liefern kritische Beiträge zu politischen Debatten in Europa und haben einen ausgeprägten Einfluss auf Entscheidungen von Technologiestrategen. Anna Schneider ist Mitglied in verschiedenen Forschungsverbänden und sitzt im wissenschaftlichen Beirat des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste – einem renommierten Think Tank für Kommunikations- und Internetpolitik. Darüber hinaus arbeitet sie als freie wissenschaftliche Beraterin.

Zwischen 2007-2016 arbeitete sie als Senior Consultant für YouGov in der quantitativen und qualitativen Marktforschung. An der Universität Bonn promovierte sie nebenberuflich von 2011-2014 zum Thema „Open Innovation“.