Foto © Potthast

Hinter den Kulissen: Prof. Potthast

Forschende aus Köln stellen sich vor

Kurzinterview mit Prof. Dr. Wolfgang Potthast von der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS)

Prof. Dr. Wolfgang Potthast, Sie haben sich in Ihrer Studie mit der Frage auseinandergesetzt, ob unterschenkelamputierte Weitspringer im Wettkampf einen Vor- oder Nachteil haben. Wie kam es zu der Studie?
Markus Rehm hat im Jahr 2016 beim internationalen Olympischen Komitee und dem internationalen Leichtathletik-Verband einen Antrag gestellt, als unterschenkelamputierter Weitspringer bei den Olympischen Spielen in Rio teilzunehmen. Dort wurde ihm gesagt, dass er nur antreten darf, wenn er nachweisen kann, dass er durch die Prothese keine Vorteile gegenüber Springern ohne Prothese habe. Dies war der Grund, warum wir im Frühjahr 2016 diese Studie gemeinsam mit Markus Rehm und anderen Leichtathletikern durchgeführt haben.

Und was waren die Ergebnisse: Hat Markus Rehm durch seine Prothese einen Vorteil im Wettkampf gegenüber Springern ohne Prothese?
Durch die Studie können wir eindeutig sagen, dass Markus in der Phase des Absprungs einen deutlichen Effizienz-Vorteil hat: Er hat durch seine Prothese nach dem Absprung mehr Energie als davor – Leichtathleten ohne Prothese verlieren dagegen im Absprung Energie.

Sind die sportlichen Aktivitäten beim Weitsprung mit und ohne Unterschenkelprothese denn überhaupt vergleichbar?
Durch unsere Studie haben wir festgestellt, dass es eigentlich zwei unterschiedliche sportliche Disziplinen und Bewegungsarten sind. Der Absprung des Prothesen-Springers basiert auf Energiespeicherung und Rückgabe, dadurch ist er wie gesagt im Vorteil. Der Springer ohne Prothese springt anders: Er läuft an und senkt im vorletzten Schritt den Körperschwerpunkt ab, geht in die Knie und bewegt seinen Körper dann nach vorne-oben.
Die Weitsprungweite hängt aber auch von Anlaufgeschwindigkeit ab. Hier hat sich gezeigt, dass die Weitspringer mit Prothese langsamer anlaufen als Springer ohne Prothese. Das könnte wieder ein Nachteil sein, wenn es an der Prothese liegt. Der Absprungvorteil ist international akzeptiert. Nun ist noch die Frage, ob der Anlaufnachteil genauso groß ist wieder der Absprungvorteil, damit sich Vor- und Nachteil aufheben könnten. Dies wird aber eine andauernde Diskussion bleiben. Ich finde, dass es zwei unterschiedliche Disziplinen sind und Springer mit Prothese nicht in eine gemeinsame Wertung mit Springern ohne Prothese gehen sollten. Die leistungsbestimmenden Parameter sind unterschiedlich.

Trotzdem haben Sie Markus Rehm beim erneuten Versuch, zu den Olympischen Spielen in Tokio 2021 anzutreten, unterstützt.
Ja, der Hintergrund war diesmal, dass Markus gesagt hat: „Ich will nicht mit den Springern in der Wertung starten, sondern außerhalb der Wertung. Ich springe genauso weit wie sie, und das sollen alle sehen.“ Er wollte niemandem die Medaille und Preisgelder wegnehmen, sondern der Welt zeigen, was Menschen mit Behinderung leisten können.
Die Diskussion ist aber bereits zehn Jahre alt, der Konflikt war schon damals abzusehen, denn es war schon lange klar, dass Markus genauso weit springen kann wie Springer ohne Prothese. Sowohl der deutsche Leichtathletikverband als auch der internationale Leichtathletikverband haben sich bereits 2008 – zu Zeiten des Prothesen-Sprinters Oscar Pistorius – dagegen gesperrt, sich mit dem Thema auseinander zu setzen und mit der Frage, wie man mit Leichtathleten mit Hilfsmitteln umgeht. Damals hat sich niemand darum gekümmert. Deshalb habe ich Markus bei seinem Tokio-Projekt versucht zu unterstützen, leider aber erfolglos, er durfte nicht starten.

Wie überrascht und enttäuscht war Markus Rehm über das Studien-Ergebnis, dass er einen Wettbewerbs-Vorteil hat?
Wir haben ihn vor der Veröffentlichung der Studien in einen Seminarraum eingeladen und ihm erklärt, dass er einen eindeutigen Vorteil im Absprung habe, der Nachteil im Anlauf aber nicht nachgewiesen und somit auch nicht gegen den Vorteil aufgewogen werden kann. Das hat ihn schon sehr überrascht, aber dann auch überzeugt. Er ist wirklich ein Sportsmann. Später haben wir die Fakten in einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit präsentiert. Markus Rehm hat dennoch gesagt: „Der Vorteil ist für mich weiterhin unklar und ich möchte trotz der Studienergebnisse bei den Olympischen Spielen springen.“ Der Dachverband hat jedoch endgültig entschieden, dass keine ausreichende Beweislage vorliegt und Markus den Antritt in Rio nicht stattgegeben.

Sieht Markus Rehm sich als Olympionike oder Paralympionike?
Nach der Pressekonferenz 2016 gab es eine Podiumsdiskussion mit ihm und Schulkindern. Ein ca. zwölfjähriges Mädchen fragte: „Würden Sie für Ihre Medaille und Ihre sportlichen Erfolge gegen ein gesundes Bein eintauschen?“ Er ist da völlig ins Stocken gekommen und wusste zunächst keine passende Antwort. Dann sagte er: „Nein, ich bin da, wo ich jetzt bin, darüber definiere ich mich.“ Er sagt klar, dass er Paralympionike ist. Da sich der Dachverband selbst auf die Diskussion, ohne Wertung bei den Olympischen Spielen anzutreten, nicht eingelassen hat, hat er mit dem Thema abgeschlossen. Er ist natürlich enttäuscht und wundert sich sehr über die Sturheit des Dachverbands sowie dessen Verhalten.

ZUR PERSON
Nach seinem Physik- und Sportstudium in Bonn und Köln hat Professor Wolfgang Potthast an der Deutschen Sporthochschule im Fach Biomechanik promoviert. Von 2010 bis 2012 vertrat er die Professur für Bewegungswissenschaften und Biomechanik am Karlsruher Institut für Technologie. Im Jahr 2012 habilitierte er an der Deutschen Sporthochschule und akzeptierte im selben Jahr den Ruf auf die Professur für Klinische Biomechanik. Er ist bis 2022 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Biomechanik und war 2015-17 Vorsitzender der Footwear Biomechanics Group. Herrn Potthasts Forschung konzentriert sich auf die Wechselbeziehungen zwischen Bewegung und Belastung des Bewegungsapparates des menschlichen Körpers, um klinische, technologische und trainingsbezogene Interventionen zu optimieren. Seine Studien zielen darauf hin, sportlichen Leistung und Bewegungsqualität zu verbessern, Verletzungen des Bewegungsapparates zu vermeiden oder Rehabilitationsprozesse beschleunigen und zu optimieren. Die Erforschung des Zusammenspiels von Bewegungsapparat und Technologie in Sport, Klinik und am Arbeitsplatz ist einer der Hauptschwerpunkte. In diesem Zusammenhang hat Prof. Potthast im Frühjahr 2016 die Studie mit dem Prothesenweitspringer Markus Rehm geleitet und war im Jahr 2007 an den Studien mit „Blade Runner“ Oscar Pistorius beteiligt.