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Hinter den Kulissen: Prof. Crewell

Forschende aus Köln stellen sich vor

Kurzinterview mit Prof. Dr. Susanne Crewell von der Universität zu Köln

Frau Prof. Dr. Crewell, mit dem Projekt „Earth – Evolution at the dry limit“ erforschen Sie gemeinsam mit internationalen Geologen, Meteorologen, Geographen und Biologen die trockensten Gebiete unserer Erde. Bitte erläutern Sie, welche konkreten Ziele Sie mit diesem Projekt verfolgen.
Die Atacama ist die trockenste Wüste der Erde. In ihrem Zentrum fallen weniger als 3 mm Niederschlag – im Vergleich dazu sind es ca. 840 mm in Köln. Trotzdem gelingt es bestimmten Lebewesen, dort zu überleben. Biologen erforschen dort, wie sich diese verschiedenen Spezies entwickelt haben. Wir Meteorologen untersuchen, wie für das Leben und die Entwicklung der Landschaft das nötige Wasser dorthin kommt. Dafür haben wir die Atacama-Wüste als Studienobjekt ausgewählt, da hier wichtige Prozesse des Wasserkreislaufs unter Extrembedingungen stattfinden. Das hilft uns, diese besser zu verstehen und dann auf andere Regionen zu übertragen.

Das meiste Wasser in der Atmosphäre findet sich als Wasserdampf, nur ein ganz geringer Anteil findet sich in den Wolken und noch weniger regnet aus. Darum haben wir uns zuerst angeschaut, wie in der Atmosphäre Wasserdampf transportiert wird. Dabei haben wir herausgefunden, dass sogenannte „Atmospheric River“ eine große Rolle spielen. Diese können mehr Wasser transportieren als der Amazonas. In der Tat sind solche „Atmospheric River“, die feuchte Luft aus dem Amazonasbecken über den Pazifik hinaus in die Atacama transportieren, dort für die extrem seltenen Niederschläge verantwortlich. Aber auch Nebel ist sehr wichtig, um bestimmte Pflanzen mit Wasser zu versorgen.

Welche Gebiete unserer Erde sind besonders betroffen und wo forschen Sie?
Die Wirkung der vom Menschen in die Atmosphäre eingebrachten Treibhausgase betrifft die gesamte Erde. Während wir die Erwärmung allgemein sehr gut verstehen, ist es viel schwieriger, die regionalen Auswirkungen abzuschätzen. Besonders schwierig ist auch die Entwicklung des Wasserkreislaufs: Wo wird es trockener, wo wird es feuchter? Um die Auswirkungen besser zu verstehen, gehen wir gerne in Extremregionen wie die Atacama. Unser Forschungsgebiet erweitern wir jetzt um die Namib, die älteste Wüste der Welt. Diese ist in vielen Dingen der Atacama sehr ähnlich, aber in anderen wiederum nicht. Die Unterschiede helfen uns zum Beispiel dabei, die Bedeutung der Anden für die Atacama abschätzen können.

Inwieweit tragen Ihre Forschungsergebnisse mit neuen Konzepten zum Klimawandel bei?
Mit unseren Untersuchungen, für die wir neuste Messinstrumente einsetzen, tragen wir dazu bei, Wetter- und Klimamodelle zu verbessern. Insbesondere die Art und Weise, wie der Wassertransport und die Wolken- und Niederschlagsbildung in den Modellen repräsentiert wird, versuchen wir damit zu verbessern. Das ist besonders interessant, da gerade eine neue Generation von Klimamodellen mit einem feinen Gitter entwickelt werden.

Welche bisherigen Forschungsergebnisse haben Sie besonders überrascht?
Momentan befinde ich mich in Kiruna in Nordschweden im Rahmen der HALO AC3 Kampagne, bei der wir die Gründe für die überproportional hohe Erwärmung der Arktis herausfinden wollen. Unsere Messungen zeigen erstaunliche Ergebnisse. Warme und feuchte Luft wird weit aus Süden in die Arktis transportiert. Gestern haben wir langandauernden Regen über dem Meereis gesehen, was dazu führen kann, dass das Meereis dieses Jahr bereits sehr früh im Jahr schmilzt.

ZUR PERSON
Susanne Crewell ist Professorin für Meteorologie an der Universität zu Köln, wo sie die Arbeitsgruppe zum atmosphärischen Wasserkreislauf und dessen Fernerkundung leitet. Aufgrund ihrer herausragenden theoretischen und experimentellen Arbeiten zur Fernerkundung der atmosphärischen Grenzschicht und der bewölkten Atmosphäre, die wichtige Grundlagen für deren Nutzung in der Wettervorhersage geschaffen haben, wurde sie 2019 mit der Alfred-Wegener-Medaille ausgezeichnet. Sie ist Mitglied der Leopoldina.