080221_ProfBruns_RFH_Web

© W. Bruns

Hinter den Kulissen: Prof. Bruns

Forschende aus Köln stellen sich vor

Interview mit Prof. Dr. Werner Bruns von der Rheinischen Fachhochschule Köln (RFH)

Sie sind Instituts- und Studiengangsleiter des Europa-Institut für Erfahrung und Management (METIS) an der RFH. Was sind die Aufgaben des Instituts und welche Rolle nimmt die RFH ein?
Das „Europa-Institut für Erfahrung und Management-METIS“ ist ein In-Institut der Rheinischen Fachhochschule Köln (RFH), das dem Fachbereich „Wirtschaft und Recht“ zugeordnet ist. Zugleich ist es ist eine gemeinsame Forschungsinitiative der FH Wien der WKW und der Rheinischen Fachhochschule Köln (RFH). Die Zusammenarbeit bezieht sich u.a. auf die Umsetzung von Forschungsideen, Konzepten, den Austausch von Lehrenden, die Durchführung von Veranstaltungen und die Gestaltung von neuen Studieninhalten.

METIS möchte dazu befähigen, die digitale Transformation als umfassenden Veränderungsprozess zu begreifen. Dabei geht es darum, Erfahrung, Wissen und Fähigkeiten als die entscheidende „Währung“ neu zu bewerten, sich auszutauschen und in veränderten Situationen auszuprobieren. METIS bringt dazu Studierende, Führungskräfte aus allen Bereichen der Gesellschaft und Wirtschaft und Intellektuelle zusammen.

Das internationale Institut führt in diesem Kontext Forschungsvorhaben im Bereich „Erfahrungswissen“ durch und sorgt für einen lebendigen Transfer zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Unsere Strategie richtet sich auf „wirtschaftliche und soziale Innovationen im Zeitalter der digitalen Transformation.“ Wir sind im Sinne der Hochschulen für angewandte Wissenschaften praxisorientiert, auf Problemlösungen in der organisierten Gesellschaft ausgerichtet. Wir lassen uns, unsere Arbeit, im Institut von zwei Grundgedanken leiten:

  • Probleme in der Gesellschaft und Wirtschaft sind nicht nur etwa ökonomischer oder politischer oder rein kultureller Art, die Faktoren stehen insgesamt in einer Beziehung zueinander. Das „Soziale“ spielt zudem immer eine Rolle, egal, um welches Thema es sich handelt.
  • Wir lassen uns vom „Kritischen Rationalismus“ leiten, der Wissenschaftstheorie des bedeutenden Philosophen Karl Raimund Popper. Die Prämissen des kritisch-rationalen Denkens finden sich in allen Bereichen des Instituts wieder, ob in der Lehre des Studiengangs „Digital Transformation Managements“ oder etwa in unserem Veranstaltungsformat „Wissenschaftstalk“ und selbstverständlich in der Forschung. Besonders aber auch bei der Besetzung der Module mit Lehrenden ist uns wichtig, dass wir ein fachlich starkes Team bilden, das eine kritisch-rationale Diskussionskultur pflegt, um Fehlentwicklungen aufzudecken und Innovationen anzustoßen. Das können fachliche, didaktische oder pädagogische Herausforderungen sein.

METIS tritt für eine neue Interdisziplinarität ein, wissenschaftliche Lösungen und Fragestellungen werden durch die Transformationsprozesse im Rahmen der Digitalisierung immer komplexer. Natur-, Sozialwissenschaften und Technik rücken weiter zusammen! Diese Komplexität und Interdisziplinarität erfordern eine neue Offenheit im Denken, einen modernen Kritizismus im Kopf, der keinesfalls im wissenschaftlichen Elfenbeinturm enden darf.

Das Institut führt Forschungsvorhaben im Bereich „Erfahrungswissen“ durch. Was kann man sich darunter vorstellen?
METIS entwickelt praxisorientierte, innovative Ansätze zum produktiven Umgang mit Erfahrung im komplexen Umfeld wissensintensiver Organisationen und Institutionen. Verständlich wird das durch unsere konkrete Arbeit im Institut.

Forschung: Wir haben seit der Gründung des „Europa-Instituts für Erfahrung und Management-METIS“ mehrere wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, auch gemeinsam mit anderen europäischen Hochschulen in Österreich und der Schweiz. Mit der FHS St. Gallen und der FH Burgenland z. B eine Befragung von über 25000 Führungskräften zum Thema „Erfahrungswissen“. Die Ergebnisse wurden wegen ihrer Evidenz auch ins Englische übersetzt und auf einer Konferenz der SAP Hochschule in Potsdam vorgestellt. Die Befragung diente dem Institut als Datenaufbau zum Thema „Umgang mit Erfahrungswissen in Unternehmen“.

Ein sehr erfolgreiches Forschungsprojekt haben wir mit Digital Natives initiiert. Teilgenommen haben u.a. Unternehmen wie Airbus, Porsche, TUI, NRWBank, DIW Köln und 3M. In einem experimentell angelegten und vom renommierten Stifterverband für die deutschen Wissenschaft ausgezeichneten Vorhaben wurden erstmals Top-Manager mit Schülerinnen und Schülern zu einem Reverse-Mentoring zusammengebracht. Ziel war es das Erfahrungswissen der Jugendlichen im Netz auf die Manager zu übertragen. (Bruns, W./ Bruns, P. (2018): Reverse-Mentoring. Impuls-Mentoring mit Digital Natives für mehr Innovation. Nomos Verlag). Mit diesem Experiment konnte METIS die Unternehmensberatung als Branche erreichen und mit eigenen evaluierten Beratungsleistungen zum Thema Erfahrungstransfer auf den Markt gehen. Hier ein Beispiel

Neue Auszeichnung durch den Stifterverband: Im Januar 2021 wurde METIS für seine Konzeption zum Erfahrungstransfer erneut von Stifterverband ausgezeichnet, diesmal ging das Institut als Jahresgewinner mit dem Thema „Mut im Nationalsozialismus, Zivilcourage in der Demokratie“ hervor. Eine Konzeption für Schulen-zunächst modellhaft für Gymnasien in und um Köln. Das Institut setzte sich mit diesem Projekt gegen vorwiegend Universitäten durch, worauf das gesamte Metis-Team besonders stolz ist. Der Preis ist mit 3000 Euro dotiert.

Evaluierung: Für die RFH Köln führen wir die Evaluierungen von Qualitätsverbesserungsmitteln durch. METIS führt laufende Evaluierungen für Projekte durch, die der Verbesserung der Lehre der Hochschule dienen sollen. Wir bedienen uns dabei der „Kontributionanalyse“, das ist ein theoriegestützter Evaluierungssatz, der die Wirkungslogik einer Maßnahme sukzessiv überprüft und wesentliche Beiträge zu Veränderungen feststellt. Der Evaluierungsansatz geht auf John Mayne zurück. Hauptbestandteil der Analyse ist die „Theory of Change“, die die Ursache-Wirkungs-Beziehung der Maßnahme theoretisch herleitet. Wir haben uns hier sehr viel Wissen und Erfahrung angeeignet, welches wir gern auch an andere Hochschulen, Unternehmen und NGOs weitergeben würden.

Lehre/Studiengang: Besonders stolz sind wir auf unseren neuen Studiengang in Neuss, der ab dem Wintersemester 2021/22 nun auch in Köln angeboten wird. Es ist ein Master der Betriebswirtschaft, der von unserer Philosophie getragen ist und damit zum Beispiel die oben beschriebene Interdisziplinarität und Netzwerk-Komponente unterstützt aber auch die Selbstverständlichkeit des lebenslangen Lernens. Der Studiengang „Digital Transformation Management“ wurde gemeinsam mit der IHK mittlerer Niederrhein entwickelt und enthält deshalb auch den anerkannten IHK -Abschluss. Das Besondere am Curriculum ist, dass es Wissen aus universitär orientierten Wissenschaften Soziologie, Philosophie, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie in die Module der Betriebswissenschaft implementiert. Zudem arbeiten wir in einigen Modulen mit Team-Teaching-Methoden. Besonders wichtig ist uns u.a. das Modul wissenschaftliches Denken, weil wir glauben, dass es im Zeitalter der Digitalen Transformation relevant ist. Hier geht es nicht nur um das Schreiben einer Masterarbeit. Wir nennen den Kurs salopp „“Von Platon bis Steve Jobs“. Weitere Infos

Veranstaltungen/Formate: Wie erwähnt entwickeln wir immer neue Formate, um Interdisziplinarität, Netzwerk, lebenslanges Lernen und Transfer konkret zu forcieren. Dazu arbeiten wir auch gerne mit unterschiedlichen externen Partnern und Dozentinnen und Dozenten zusammen. Unsere Erfolgsmodelle:

  • Der „Wissenschaftstalk“ greift zeitgemäße Themen auf, die oft mit Führungsverhalten zu tun haben. Das Format beinhaltet ein Programm mit mehreren kurzen Vorträgen, Kultur und viel Diskussion auf der Bühne und im Plenum.
  • Das Format “Promotion of Young Talents” verschafft besonders guten und ideenreichen Studierenden eine öffentliche Bühne, auf der sie ihre Stärken zeigen können. Entweder zu einem Thema oder einer Idee können sie Ihre Veranstaltung mit unserer Unterstützung frei planen, bewerben und durchführen. Besonders spannende Themen waren bisher u.a. Künstliche Intelligenz und Scrum.
  • „Management Brainfood“ ist eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Verband „DFK- Verband für Fach- und Führungskräfte“ und unseren Studierenden zu Themen wie z.B. Führungsverhalten, Macht und Charakter oder Digitale Führung. Meist laden wir hierzu einen Gast ein, der nach einem kurzen thematischen Intro dazu von einem Verbandsvertreter und dem Institutsleiter interviewt wird.
  • „Studium Generale“ beschäftigt sich mit unterschiedlichen Themen aus Wirtschaft und Gesellschaft: Energiewende, Fluchterfahrungen, moderne Wirtschaftspolitik und Digitalisierung. Auch hier schaffen wir es immer wieder, renommierte Experten und Expertinnen zu uns an die Hochschule einzuladen, so dass für unsere Studierenden ein konzentrierter, fundierter und kompakter Blick auf die unterschiedlichsten Themen und Bereiche möglich wird. Wichtig hierbei ist, dass diese Möglichkeit für alle Absolventinnen und Absolventen unseres Studiengangs, andere Studierende der RFH und Bürgerinnen und Bürger Kölns besteht. Lebenslanges Lernen soll so eine gelebte praktische Erfahrung unserer Studierenden werden.

Woran forschen Sie aktuell?
Vor der der Pandemie haben wir uns mit dem Thema: „Erfahrungstransfer im Prozess der Unternehmensübergabe“ beschäftigt. Unsere Partnerin ist hier die Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Leider mussten wir unsere gemeinsamen Bemühungen zurückstellen, weil Unternehmensbesuche derzeit nicht möglich sind. Aber wir sind guter Dinge, an diesem Projekt nach der Pandemie wieder weiter arbeiten zu können.

Aktuell kümmern wir uns daher verstärkt um unseren Studiengang, auch um für die Studierenden trotz der dauerhaften Online-Formate ein Gefühl von Gemeinsamkeit zu vermitteln; Studieren ist schließlich nicht nur der Prozess des Lernens von neuem Stoff, es ist eine wichtige Erfahrung, die prägend ist. Wir gehen davon aus, dass der Lockdown, der die Hochschulen zudem jetzt bereits dritten Online-Semester verpflichtet hat und die gesamte Kommunikation ins Internet verlagerte, zu besonderen Anstrengungen führen sollte. Auf die gesamte Gesellschaft bezogen, führt die eingeschränkte Kommunikation mit wenig direkten Begegnungen zu einem „digitalen Hospitalismus“, der uns ohnehin noch lange beschäftigen wird. Hier sehe ich auch für unser Institut und andere Hochschulen neue Forschungsfelder.

Beruflich sind Sie international vernetzt. Wie wirkt sich das auf Ihr Privatleben aus?
Bevor ich bei der RFH Köln angefangen habe zu arbeiten, war ich bei der Bundesregierung beschäftigt. Dadurch bin ich auch heute noch weltweit vernetzt, einige Freunde von mir arbeiten in internationalen Einrichtungen und Unternehmen oder in Botschaften. Ich pflege darüber hinaus allerdings schon immer viele private Freundschaften aus den unterschiedlichsten Bereichen und Regionen dieser Erde. Und wenn ich Freundschaften sage, dann meine ich damit stabile, vertrauensvolle Beziehungen, die auch von meiner Familie geteilt werden.

Mit dem Institut arbeite ich sehr eng mit meinem Kollegen Prof. Dr. Dr. Sebastian Eschenbach in Wien zusammen. Wir haben de faco Metis gemeinsam „geschaffen“. Kontakte zu Partnerhochschulen leben doch nur dann, wenn das Persönliche stimmt und Vertrauen gegeben ist. Das ist hier auch so.

Meine Familie und ich bereisen gern die USA: Die Highways, die Natur, New York, San Francisco. LA oder New Orleans usw., einfach spannend und auch schön. Wir lieben aber auch Vietnam und Italien natürlich, Letzteres auch wegen des Essens und des guten Weines. Die Erfahrungen auf Reisen, die wir vorzugsweise im Auto und völlig spontan machen, bereichern und erweitern das Denken auf die schönste Art. Das ist, was uns als Familie am meisten fehlt in der Pandemie.

ZUR PERSON
Prof. Dr. Werner Bruns studierte Sozialwissenschaften an der Bergischen Universität in Wuppertal und promovierte dort mit einer Arbeit zum Jugendstrafvollzug. Bruns war in den letzten 20 Jahren unter anderem Lehrbeauftragter an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, an der Universität zu Köln, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der Fachhochschule Esslingen am Neckar und der Dualen Hochschule in Ravensburg. Seit 2016 ist er als Honorar-Professor an der RFH tätig. Werner Bruns verfügt durch seine Tätigkeiten im Niedersächsischen Sozialministerium, Wirtschaftsministerium von Baden-Württemberg sowie dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über außergewöhnliche internationale Erfahrungen. Darüber hinaus hat er zahlreiche gesellschafts- und wirtschaftspolitische Bücher und Aufsätze publiziert.