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Hinter den Kulissen: Prof. Böttiger

Forschende aus Köln stellen sich vor

Interview mit Univ.-Prof. Dr. med. Bernd W. Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin, Uniklinik Köln, Universität zu Köln

Prof. Dr. Böttiger, Sie sind Klinikdirektor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin an der Uniklinik Köln sowie Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rates und der Deutschen Stiftung für Wiederbelebung. Das Thema „Wiederbelebung“ ist Ihnen sozusagen eine Herzensangelegenheit. Was sind Ihre neusten Forschungserkenntnisse auf dem Gebiet der Herzdruckmassage?
Seit Jahren liegt ein Fokus meiner Forschung auf dem Gebiet der Laienreanimation. Dies ist wichtig, weil in Deutschland der plötzliche Herz-Kreislaufstillstand die dritthäufigste Todesursache ist. Mit der aktuellsten Kampagne #ichrettedeinleben versuchen wir z.B. einen verpflichtenden Reanimationsunterricht flächendeckend ab spätestens der 7. Klasse für alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland zu implementieren. Zudem sind Anfang dieses Jahres die neuen Reanimationsleitlinien 2021 des European Resuscitation Council und die deutschsprachige Fassung des Deutschen Rates für Wiederbelebung (German Resuscitation Council, GRC) erschienen, an denen ich mitgearbeitet habe. Hierin werden alle fünf Jahre international Empfehlungen auf Grundlage der gesamten weltweit verfügbaren Evidenz zu dem Thema veröffentlicht.

In diesem Jahr gewannen die von uns etablierten BIG-FIVE Überlebensstrategien deutlich an Bedeutung. Vor allem das Kapitel „Systeme, die Leben retten“ zeigt, wie wichtig ein Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Faktoren ist, um das Überleben zu verbessern. Darunter fallen z.B. die Laienreanimation, die Telefonreanimation, bei der am Telefon von der Leitstelle erklärt wird, wie der oder die Anwesende reanimiert, Ersthelfersysteme, bei denen gleichzeitig mit dem Rettungsdienst Helfer in der Nähe z.B. per App alarmiert werden, KIDS SAVE LIVE – eine Schülerausbildung in Wiederbelebung und Cardiac Arrest Zentren. Leider liegt die Laienreanimationsquote in Deutschland nur bei 40%.

Warum ist die Herzdruckmassage ein sehr wichtiger Lebensretter und wie kann eine Wiederbelebung bestenfalls durchgeführt werden?
In Deutschland ist der plötzliche Herz-Kreislaufstillstand die dritthäufigste Todesursache. Jährlich sterben bei uns mindestens 70.000 Menschen daran. Der Rettungsdienst benötigt durchschnittlich bis zum Eintreffen neun Minuten – eine lange Zeit, wenn eigentlich jede Sekunde zählt, da das Gehirn nach drei bis fünf Minuten zu sterben beginnt. Und es ist wichtig zu wissen: Die meisten dieser Ereignisse passieren im häuslichen Umfeld. Oft sind Angehörige in der Nähe und das zeigt, wie wichtig es ist, dass jeder Mensch in der Lage ist, Erste Hilfe zu leisten und die Minuten bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes zu überbrücken.

Studien zeigen: Alles, was man dafür im Kopf haben muss, ist die Leitformel „PRÜFEN“ (auf normale Atmung und Reaktion) – „RUFEN“ (den Rettungsdienst) und – „DRÜCKEN“ (die Herzdruckmassage). Bei der Herzdruckmassage wird die Funktion des Herzens von außen übernommen und noch mit Sauerstoff beladenes Blut aus anderen Körperregionen ins Gehirn des Menschen gepumpt. Dafür drückt man 100-120 Mal pro Minute mit durchgestreckten Armen zwischen den beiden Brustwarzen in der Mitte des Brustkorbs und entlastet dann wieder. Idealerweise wechselt man sich nach zwei Minuten mit jemanden ab, das Ganze bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes.

Inwieweit hat die Pandemie dazu geführt, dass Menschen sich nicht mehr trauen, sich fremden Hilfsbedürftigen zu nähern und diese im Notfall wiederzubeleben – mit welchen Konsequenzen?
Auch schon vor der Covid-19 Pandemie hatten die Menschen teilweise Sorge, im Ernstfall schnell genug zu reagieren, denn oft ist der Erste-Hilfe-Kurs viel zu lange her. Dabei gilt aber: Man kann nichts falsch machen, außer, nichts zu tun. Auch schon vor der Pandemie empfehlen wir eine alleinige Herzdruckmassage, wenn keine ausreichenden Kenntnisse für eine Beatmung vorhanden sind oder man sich nicht wohl dabei fühlt. In der Regel ist bei Erwachsenen bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes noch genügend Sauerstoff im Blut vorhanden. Außerdem ist zu bedenken, dass es meist Freunde oder Familienangehörige sind, bei denen man helfen muss.

Sie haben in der Social-Media-Kampagne #MySongCanSaveLives Künstler*innen dazu aufgerufen, ihre zum Rhythmus der Herzdruckmassage passenden Lieder zu posten. Welches Lied ist Ihr persönlicher Favorit?
Mein Favorit und der Klassiker, der bei Erste-Hilfe-Kursen immer gelehrt wird, ist Stayin‘ Alive von den Bee Gees. Hier passt das „HA-HA-HA- Staying‘ Alive“ perfekt auf den Takt, in dem man wiederbeleben sollte. Da wir aber vor allem den jüngeren Generationen auch eine Alternative bieten wollen, denen vielleicht dieses Lied nicht mehr ganz so geläufig ist, riefen wir 2020 zu unserem World Restart a Heart Day die Kampagne #MySongCanSaveLives ins Leben. Durch eine rege Beteiligung konnten wir passende Lieder von Künstlerinnen und Künstlern der unterschiedlichen Musikrichtungen sammeln und unter diesem Hashtag ist nun für jede und jeden etwas Bekanntes zu finden.

ZUR PERSON
Prof. Dr. med. Bernd W. Böttiger ist Klinikdirektor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rates für Wiederbelebung und der Deutschen Stiftung Wiederbelebung. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeiten und Forschung liegt seit Jahrzenten auf dem Thema der Wiederbelebung durch Laien, wobei es ihm eine Herzensangelegenheit ist, das Bewusstsein der Bevölkerung für Herz-Kreislaufstillstände zu stärken.