© Wibke Ottweiler I GNM Nürnberg

Dem Reformator auf der Spur

727 Luther-Bildnisse erforscht und katalogisiert

Die Bedeutung Martin Luthers für die europäische Religions- und Kulturgeschichte ist unbestritten. Während seine Schriften vollständig gesammelt sind, wurden die für seine Wirkungsgeschichte fast ebenso wichtigen Porträts bislang nicht systematisch erschlossen. „Das erschwerte die Einordnung,“ sagt Prof. Dr. Gunnar Heydenreich vom Cologne Institute of Conservation Sciences (CICS) der TH Köln. „Sind sie authentisch oder Zeichen einer nachträglichen Heroisierung? Mit dem Kritischen Katalog der Luther-Bildnisse, kurz KKL, haben wir nun erstmals ein Instrument zur kunst- und reformationshistorischen Beurteilung dieser wichtigen Bildbestände entwickelt, mit dem diese Fragen beantwortet werden können.“

Wichtiger Baustein für die künftige Luther-Forschung

In dem interdisziplinären Projektteam haben Forschende aus den Bereichen Kunstgeschichte, Kunsttechnologie, Reformationsgeschichte und digitale Mustererkennung zusammengearbeitet. Mit Hilfe von kunsttechnologischen und naturwissenschaftlichen Analyseverfahren wurden insgesamt 641 Druckerzeugnisse und 86 Gemälde untersucht, digitalisiert, erschlossen und unter Anwendung neuester Ansätze der Mustererkennung ausgewertet. Aufgrund der innovativen Verbindung geisteswissenschaftlicher, naturwissenschaftlicher und informationstechnologischer Methoden und Fragestellungen wurde das Forschungsvorhaben von der Leibniz-Gemeinschaft gefördert.
Aus den interdisziplinären Untersuchungen ist nun ein umfangreiches Bildnisverzeichnis entstanden. Dieses bietet einen Überblick über den bisherigen Forschungsstand und die Ergebnisse des Projekts. „Die einzelnen Datensätze ermöglichen es etwa, hochauflösende Bilddateien von Gemälden direkt miteinander oder beispielsweise mit Infrarotreflektogrammen zu vergleichen. Dadurch können der Werkprozess sowie Gemeinsamkeiten und Abweichungen zwischen einzelnen Werken nachvollzogen werden – zum Beispiel die verschiedenen Arbeitsschritte des Herstellungsprozesses oder nachträgliche Überarbeitungen. Aber auch Spuren durch Alterung oder Restaurierungen sind erkennbar“, so Wibke Ottweiler vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg.
Zahlreiche Querverweise lassen Rückschlüsse auf die Authentizität der Bilder und damit auch auf ihren reformationsgeschichtlichen Quellenwert zu. „Der KKL zeigt zum Beispiel, dass – entgegen der Vermutung in der neuesten Forschung – gerade berühmte Bildnisse wie ,Luther als Junker Jörg‘ keine nachträgliche historische Inszenierung des Reformators aus späterer Zeit sind. Vielmehr stammen sie aus den frühen Jahren der Reformation um 1522“, erklärt Daniel Görres vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Das untermauere die Bedeutung der frühen Bildnisse Martin Luthers.

Verzeichnis ist eingebettet in das Cranach Digital Archive
Der „Kritische Katalog der Luther-Bildnisse (1519 – 1530)“ wird auf den Seiten des Cranach Digital Archive (CDA) zur Verfügung gestellt. Das CDA ist eine Initiative des Kunstpalasts Düsseldorf und der TH Köln mit rund 350 Museen, Forschungseinrichtungen und Kirchengemeinden in 35 Ländern. Das Forschungsverbundprojekt widmet sich seit 2009 der digitalen Erschließung und Erforschung der Werke Lucas Cranachs d. Ä., eines der bedeutendsten Maler der deutschen Renaissance.
„Für die Wissenschaft bieten sowohl der Kritische Katalog der Luther-Bildnisse als auch das Cranach Digital Archive eine internetbasierte Infrastruktur zum wissenschaftlichen Austausch und zur weitergehenden Forschung. Gleichzeitig ermöglichen es beide Plattformen aber auch der Öffentlichkeit, die Bildnisse unter die Lupe zu nehmen – und das in einer nie dagewesenen Tiefe“, sagt Heydenreich.

Das Vorhaben
Den Katalog haben das Cologne Institute of Conservation Sciences (CICS) und das Advanced Media Institute der TH Köln, das Germanische Nationalmuseum (GNM) und sein Institut für Kunsttechnik und Konservierung (IKK) in Nürnberg sowie die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) gemeinsam entwickelt. Projektverantwortliche waren der Kunsthistoriker Prof. Dr. Daniel Hess (GNM), der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Anselm Schubert (FAU), der Leiter des Cranach Digital Archive Prof. Dr. Gunnar Heydenreich (CICS), der Leiter des IKK, Oliver Mack (GNM), sowie der Informatiker Prof. Dr. Andreas Maier (FAU). Das Vorhaben wurde über einen Zeitraum von vier Jahren von der Leibniz-Gemeinschaft im Rahmen der Förderlinie Kooperative Exzellenz gefördert.