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Sexualisierte Gewalt im Sport

Interdisziplinäres Verbundprojekt zur Prävention

Rund 27 Millionen Mitgliedschaften verzeichnet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB). Davon sind sieben Millionen Kinder und Jugendliche. Eine Umfrage des Forschungsprojektes »Safe Sport« unter 1.799 Kaderathlet*innen ab 16 Jahren ergab, dass ein Drittel der Befragten eine Erfahrung mit sexualisierter Belästigung und Gewalt im Leistungssport gemacht hat. Im Vereins- und Breitensport sind die Befunde ähnlich problematisch. Von 4.400 befragten Vereinsmitgliedern gaben ein Viertel an, im Verein mindestens einmal eine Form von sexualisierten Grenzverletzungen und Belästigung (ohne Körperkontakt) erfahren zu haben; ein Fünftel sexualisierte Gewalt und Übergriffe mit Körperkontakt.

Dass das Thema sexualisierte Gewalt im Sport den Weg in die Öffentlichkeit geschafft hat und immer mehr Menschen ermutigt, über ihre eigenen Erfahrungen zu reden, ist ein wichtiger Schritt. Doch welche Maßnahmen müssen getroffen werden, damit es erst gar nicht so weit kommt und wo verläuft die Grenze zwischen zu viel und angemessener Nähe? Anknüpfend an die Ergebnisse der »Safe Sport«-Studie wurde das Projekt »TraiNah« initiiert, gefördert durch das Bundesinstitut für Sportwissenschaft.

»TraiNah« (Trainer*innen als zentrale Akteur*innen in der Prävention sexualisierter Gewalt: Umgang mit Nähe und Distanz im Verbundsystem Nachwuchsleistungssport) ist ein interdisziplinäres Verbundprojekt in Zusammenarbeit mit der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm. Projektleiterinnen an der Deutschen Sporthochschule Köln sind die Professorinnen Bettina Rulofs und Ilse Hartmann-Tews vom Institut für Soziologie und Genderforschung. Dr. Jeannine Ohlert, die zum Zeitpunkt des Projektes sowohl Mitarbeiterin am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule als auch am Universitätsklinikum Ulm war, ist gemeinsam mit PD Dr. Marc Allroggen für die Teilprojekte in Ulm verantwortlich. […]

Das gesamte Projekt wurde in Kooperation mit vier olympischen Spitzenverbänden aus unterschiedlichen Sportarten durchgeführt. […] „Die Entstehungsbedingungen von sexualisierter Gewalt im Leistungssport sind komplex. Faktoren auf Ebene der Täter*innen, der Betroffenen und nicht zuletzt auf struktureller Ebene spielen eine Rolle. Die Beziehung von Trainer*in und Athlet*in nimmt hierbei eine zentrale Stellung ein“, fasst Rulofs ein Kernergebnis des Projektes zusammen. Insgesamt vier entscheidende strukturelle Elemente in der Beziehung zwischen Trainer*innen und Athlet*innen haben die Wissenschaftlerinnen herausgearbeitet: die Rollenkomplexität, emotionale Nähe und Vertrauen, körperliche Nähe und das Machtungleichgewicht. Hartmann-Tews erklärt: „Von den Trainer*innen wird erwartet, dass sie nicht nur Expert*innen für den Sport sind, sondern auch bei der Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen unterstützen. Hierzu ist emotionale Nähe und Vertrauen notwendig.“ Körperliche Nähe gehöre grundsätzlich für beide Seiten zum Sport, rufe bei Athlet*innen jedoch auch unbehagliche Gefühle sowie Probleme in der Abgrenzung hervor. „Zwischen Trainer*innen und Athlet*innen besteht ein Machtungleichgewicht überwiegend zu Gunsten der Trainer*innen. […]

Diese Elemente in der Trainer*innen-Athlet*innen-Beziehung eröffnen grundsätzlich Möglichkeiten für die Ausübung und Verdeckung von sexualisierter Gewalt, so die Wissenschaftlerinnen. Die entscheidende Frage sei nun, wie es gelingen kann, einen reflektierten Umgang mit diesen strukturellen Risiken zu entwickeln, um Sporttreibende vor Gewalt zu schützen. „Die Ergebnisse unserer Interviews legen nahe, dass sich Athlet*innen mehr Mit- und Selbstbestimmung beim Training wünschen“, sagt Bettina Rulofs. […]

Vollständige Quelle: DSHS Köln