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Öffentlicher Nahverkehr im Wandel?

Was hat das 9-Euro-Ticket gebracht?

Drei Monate lang konnten Bürger*innen den öffentlichen Nahverkehr für 9 Euro im Monat beliebig nutzen. Jetzt endet die Maßnahme, ohne verlängert zu werden. Prof. Dr. Stölting vom Institut für Baustoffe, Geotechnik, Verkehr und Wasser der TH Köln zieht im Interview Bilanz.

Prof. Stölting, wie wurde das 9-Euro-Ticket von den Bürger*innen angenommen?
Es wurde sehr gut angenommen. Insbesondere zur Ferienzeit haben es sehr viele Menschen genutzt, um kurze Trips oder Reisen anzutreten. Aber auch für Fahrten im Alltag wurde das Auto gegen den Zug getauscht. Das ist schon mal eine sehr gute Wirkung. Die Bahnhöfe sind seit der Einführung des Tickets deutlich voller.

Welche Schlüsse lassen sich hinsichtlich des Mobilitätsverhaltens ziehen?
Das lässt sich nach drei Monaten nicht sagen. Neue Angebote müssen ein bis drei Jahre beobachtet werden, bis man erkennen kann, ob diese bei den Menschen im täglichen Leben angekommen sind. Eine wichtige Erkenntnis ist aber, dass die Menschen es dankend angenommen haben, den öffentlichen Nahverkehr zu einem so günstigen Preis nutzen zu können. Das heißt, es besteht Bedarf. Das kann man hier schon daraus ableiten.

Ist der Nahverkehr auf günstigere Ticketpreise ausgelegt?
Der öffentliche Nahverkehr, auch in den Großstädten, ist an der Kapazitätsgrenze. Vor allem zu Beginn der Ticketmaßnahme sind Menschen auf den Bahnsteigen stehen geblieben, weil sie einfach nicht mehr in den Zug gepasst haben. Das passiert teilweise immer noch. Es geht also nicht nur darum, den ÖPNV attraktiver zu gestalten, sondern ihn auch leistungsfähiger zu machen. Das ist leider ein jahrelanger Prozess, der mehrere Milliarden Euro kostet. Und in Deutschland ist das Planungsrecht leider so aufwendig, dass wir eben für viele Bauprojekte viel zu lange brauchen. Im Moment kommt noch hinzu, dass Ingenieur*innen sowie Fachkräfte aus dem Bausektor fehlen.

Was müsste sich ändern?
In erster Linie muss die Infrastruktur ausgebaut werden. Es müssten längere Bahnen fahren, ein Beispiel in Köln dafür ist die Ost-West-Strecke der Linien 1, 7 und 9. Dort werden zukünftig die Bahnsteige und Züge verlängert. Insgesamt werden mehr Züge und dementsprechend auch mehr Gleise benötigt. Und wir brauchen ergänzende Angebote. In Köln könnte eine Seilbahn gut dazu beitragen, den Rhein zu überqueren. In Deutschland wurde der Schienenverkehr in den letzten 20 bis 30 Jahren nicht in dem Maße ausgebaut, wie man diesen eigentlich hätte ausbauen müssen. Das ist ein Problem, das uns jetzt auf die Füße fällt. In Europa ist das, bis auf die Schweiz und Österreich, eigentlich überall so.

Was waren die Vor- und Nachteile des 9-Euro-Tickets?
Ein Vorteil war auf jeden Fall, dass die Menschen den ÖPNV genutzt haben und dabei gemerkt haben, dass man sich auch mit dem öffentlichen Verkehr sehr gut bewegen kann. So ist bei vielen Fahrten sicher auch das Auto stehen geblieben, was sich positiv auf das Klima auswirkt. Positiv ist, dass auch sozial schwache Menschen die Möglichkeit hatten, Erledigungen zu machen oder Ausflüge sowie Reisen zu unternehmen. Absolut nachteilig ist natürlich, dass diese Aktion relativ kurzfristig war und die Nahverkehrsunternehmen nicht wirklich darauf reagieren konnten und die Infrastruktur im Moment dafür definitiv nicht ausgelegt ist – und das führte teilweise zu chaotischen Zuständen.

Wie sollte es nun nach der dreimonatigen Maßnahme langfristig weitergehen?
Wichtig ist, dass es keinen Rückschritt gibt und die Menschen ein Angebot erhalten. Der öffentliche Nahverkehr dient der Daseinsvorsorge und ist eine staatliche Aufgabe. Wenn er interessant und attraktiv sein will, müssen Konzepte und Angebote geschaffen werden, die alle Bevölkerungsschichten nutzen können. Das muss nicht unbedingt die Fortführung des 9-Euro-Tickets sein, denn da kann man sich schon wirklich überlegen, ob wir den ÖPNV nicht sowieso von vornherein kostenlos anbieten. Das hat ungefähr fast die gleiche Wirkung. Aber wenn alles so bleibt wie zuvor, werden die Menschen verschreckt. Ein 365-Euro-Ticket, also ein Euro pro Tag, das gerade diskutiert und gefordert wird, wäre sicherlich ein richtiger Weg. Neben dem Infrastrukturausbau müssen wir dringend darüber nachdenken, wie wir zukünftig den ÖPNV finanzieren. Wie können wir es schaffen, dass wir solche Modelle wie ein 365-Euro-Ticket, möglichst bundesweit, den Menschen anbieten können? Dass verschiedene Verkehrsverbünde alle andere Systeme und Preise haben, ist nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen eine einheitliche Lösung. Das heißt, wir benötigen grundsätzlich eine andere Finanzierung des öffentlichen Verkehrs. Und die wird viel mehr aus staatlicher Hand kommen müssen, sei es vom Bund oder von den Ländern.

Vollständige Quelle: TH Köln