© Martin Jepp

Hinter den Kulissen: Prof. Prinzing

Forschende aus Köln stellen sich vor

Kurzinterview mit Prof. Dr. Marlis Prinzing von der Hochschule Macromedia

Sie sind Hauptinitiantin der „Charta für öffentliche Kommunikationswissenschaft“. Was verbirgt sich dahinter und worin besteht der Nutzen für Wissenschaft und Gesellschaft?
Wissenschaft hat immer einen gesellschaftlichen und damit einen öffentlichen Auftrag. Weil dies – wie in manchen Fächern – auch in der Kommunikationswissenschaft etwas in den Hintergrund gerückt ist, war es nach Ansicht meiner Mitinitianten und mir wichtig, über eine Charta darauf hinzuweisen: Gerade in einer digitalen Mediengesellschaft ist es z.B. wichtig, dass die Befunde und Analysen zu deren Herausforderungen auch in die öffentliche Diskussion eingebracht werden, ob zur Berichterstattung rund um die Pandemie, zur Medienqualität und noch zu vielen anderen Themen. Die Charta versteht sich als Handreichung dafür, was öffentliche Wissenschaft in unserem Fach heißt und worauf es ankommt. Sie wurde von 258 Fachkollegen und -kolleginnen unterzeichnet.

Diese Wissenschaftsauffassung umfasst neben Forschung und Lehre systematisch als dritten Auftrag („Third Mission“) die Interaktion und den Austausch mit Einrichtungen in der Gesellschaft (mit Netzwerken, regionalen Arbeitskreisen, Kommunen z.B.). Und sie schließt „Responsible Science“ als eine Forschungs- und Innovationsvariante ein, indem Bürgerinnen und Bürger auch aktiv in solche Prozesse eingebunden werden können. Und die Initiative hat an sich den Anspruch, über disziplinäre Grenzen hinauszublicken. Öffentliche Wissenschaft ist ein inter- und transdisziplinäres Anliegen.

Woran forschen Sie als Professorin für Journalistik aktuell?
Mich interessieren Fragen zu Veränderungen und Innovationstreibern im Journalismus, zu Plattformökonomie und plattformisierter Öffentlichkeit, Fragen rund um Governance (wie wird reguliert?), oder um grundsätzliche ethische Fragen nach der Verantwortung in der digital geprägten Gesellschaft – und zudem Fragen zum Wissenschaftsverständnis.

Was glauben Sie, wie wird Journalismus in 10 Jahren funktionieren – welche positiven und negativen Trends sehen Sie?
So tief in die Wahrsagerkugel zu blicken, fällt mir schwer. Wer hätte vor zehn Jahren Entwicklungen prognostizieren können, die längst eingetroffen sind? Entscheidend für die Zukunft von Journalismus wird weiterhin nicht sein, über welchen Kanal er „passiert“ und in welchen Formaten. Hier kann sich Vieles verändern und neu entwickeln, es mag neue Gestaltungstools geben etc. Entscheidend ist, dass er seinen Kernauftrag erfüllen kann, und dies auf solider finanzieller Grundlage. Der Auftrag ist im Wesentlichen dreigeteilt: Journalismus als Rückgrat und Bestandsträger einer demokratischen Gesellschaft ist

  1. kritische Beobachtungs-, Vermittlungs- und Orientierungsinstanz in der Gesellschaft,
  2. Transmissionsriemen zwischen Regierenden und Regierten, Funktionsträgerinnen und -trägern,
  3. Forum für die faktengestützte Debatte über das, was uns jeweils umtreibt und bewegt.

Sind Sie auch privat dem Journalismus verfallen oder wie nehmen Sie sich Ihre Auszeit?
Für mich ist die Beschäftigung mit Journalismus nicht zwingend mit Arbeit verbunden, sondern ein Weg, um sich mit den Dingen und Themen auseinanderzusetzen, die uns alle umtreiben. Und zudem geschieht dies oft auf eine spannende und unterhaltsame Weise. Ich schätze den Effekt der „zuverlässigen Überraschung“ sehr, wie ein Kollege mal treffend formuliert hat. Gemeint ist damit, dass wir oft – sei es in einer Zeitung, einem Magazin, auf einer Onlineplattform oder auch in einer Nachrichtensendung – auf Themen gestoßen oder über Bilder beziehungsweise Überschriften in Geschichten hineingezogen werden, die uns fesseln, beeindrucken, begeistern, aber auch entsetzen können. Geschichten, von denen wir nicht ahnten, dass es sie gibt.
Aber eines stimmt natürlich auch: es gibt ein Leben ohne journalistische Begleitung – auf längeren Spaziergängen, bei Kinoabenden, bei – zurzeit meist digitalen – Dinners im Freundeskreis.

ZUR PERSON
Marlis Prinzing ist Kommunikationswissenschaftlerin, leitet an der Hochschule Macromedia den Studiengang Journalistik und ist Studiendekanin am Standort Köln. An den Schweizer Universitäten in Fribourg und Zürich vertritt sie das Fach Medienethik. Sie ist Hauptinitiantin der Charta Öffentliche Wissenschaft. Prinzing studierte Geschichte, Mathematik und Politikwissenschaft, promovierte über eine Unternehmens- und Branchenanalyse und war in ihrem ersten Berufsleben Journalistin.