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EU-Taxonomie für Nachhaltigkeit

Dreistufige Klassifizierung des Energiesektors

Interview mit Prof. Dr. Ingo Stadler vom Cologne Institute for Renewable Energy zum Thema Nachhaltigkeit von Atom- und Gaskraftwerken nach der neuen EU-Taxonomie.

Wie genau funktioniert die Taxonomie?
Die Europäische Kommission schlägt eine dreistufige Klassifizierung vor. Auf der ersten Stufe stehen die Erneuerbaren Energien und auf der zweiten Stufe Techniken wie etwa Energiespeicher, die man benötigt, um die Energiewende umzusetzen. Auf der dritten Stufe befinden sich Technologien, die wir vorübergehend noch brauchen, um den Weg zur vollständigen Klimaneutralität zu schaffen.

Anhand dieser Einordnung können private Investor*innen bewerten, wie nachhaltig ihre Geldanlage ist. Insofern ist davon auszugehen, dass es in Zukunft einfacher sein wird, Geld für Technologie zu erhalten, die sich in einer der drei Stufen wiederfindet.

Die Gas- und Atomenergie ist erst Ende 2021 – für viele überraschend – in die dritte Stufe der Taxonomie-Verordnung aufgenommen worden. Was ist der Hintergrund?
Meiner Ansicht nach ist es immer schwieriger, für herkömmliche Kraftwerke auf den Finanzmärkten überhaupt noch Geld zu bekommen. Von daher gibt es hier einen erheblichen finanzpolitischen Hintergrund. Besonderes Interesse an der Förderung der Kernenergie hat Frankreich, das diese ursprünglich sogar auf der ersten Stufe gesehen hat. Deutschland hingegen möchte gerne Gaskraftwerke fördern, weil diese hierzulande als Weg zur Überbrückung gesehen werden, um schneller aus der Kohle auszusteigen. Insofern handelt es sich bei dem Vorschlag um einen Kompromiss, wie er in der EU halt so üblich ist.

Wie nachhaltig sind Atom- und Gaskraftwerke?
Letzten Endes ist keine Technologie ganz CO2-neutral. Auch Photovoltaik- und Windkraftanlagen haben einen kleinen Fußabdruck, der vergleichbar ist mit dem von Kernkraftwerken. Wenn es also nur um Klimaneutralität ginge, dann könnte man dem Gedanken Frankreichs durchaus folgen. Die Taxonomie soll aber Nachhaltigkeit bewerten. Und es ist nicht besonders nachhaltig, wenn wir den künftigen Generationen große Mengen Atommüll hinterlassen, dessen Lagerung in keinster Weise gelöst ist.

Gas hingegen ist eindeutig weder nachhaltig noch gut für das Klima. Die Kraftwerke verursachen signifikante CO2-Emissionen und die Pipelines haben immer kleinere Leckagen aus denen etwa Methan austritt – ein Gas mit viel höherem Treibhauspotenzial als CO2.

Wenn die Taxonomie wie vorgeschlagen eingeführt wird: Welchen Einfluss hätte dies auf die Erneuerbaren?
Einen direkten Einfluss auf die Erneuerbaren sehe ich nicht. Es könnte aber indirekte Effekte geben: Wenn wieder mehr Gas- und Atomkraftwerke mit einer Lebensdauer von 30 Jahren entstehen, sinkt der Druck auf die Politik, den Ausbau von Windkraft oder Photovoltaik zu forcieren. Insofern könnte der ohnehin schon schleppend verlaufende Fortschritt bei den Erneuerbaren weniger Fahrt als benötigt aufnehmen.

Vollständige Quelle: TH Köln