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Von der Pflegenot in die Pflegekrise

Pflegearbeit als Kostensparpotenzial

Professionelle Reproduktionsarbeit und der Wert in der Gesellschaft: Von der Pflegenot in die Pflegekrise | Ein Beitrag von Prof. Dr. Guido Heuel

Die Corona-Krise stellt die Berufsgruppe Pflege auf die Bühne der Öffentlichkeit. Gegenwärtig sprechen Politiker von systemrelevanten Berufen, die in der Vergangenheit als staatliche Daseinsfürsorge galten. Trotz gut gemeinter Maßnahmen des Bundesministeriums für Gesundheit ist zu erwarten, dass die Pflegenden nach der Krise diese durch erneute Sparmaßnahmen wieder verlassen muss.

Die Ökonomen haben durch ihre neoliberale Wirtschaftsdenke Pflegearbeit als Kostensparpotenzial genutzt. Kliniken und Pflegeeinrichtungen sind seit Jahren gezwungen, ihre teuerste Ressource – das Personal – preisgünstig einzuplanen. Kliniken wurden gedrängt, ihre Bettenzahlen zu reduzieren. Kompensiert wird das mit einer Steigerung der Fallzahlen und einer Kürzung der Verweildauer, einer ständigen Prozessoptimierung und einem Qualitätswahn, der zu einer Beschleunigung der Arbeit und einer verminderten Arbeitszufriedenheit führt.

Das Pflegepersonal hat schon vor der Corona-Krise an der Grenze des Erträglichen gearbeitet. Fast unbemerkt von der Bevölkerung findet in Deutschland die Diskussion des Pflegemangels schon seit den 1960er Jahren statt. Die meisten Pflegekräfte erleben in ihrem Berufsalltag ein hohes Arbeitspensum sowie starken Termin- und Leistungsdruck. Fortwährende Störfaktoren bei der Arbeit, wiederkehrende Arbeitsvorgänge, ausfallende Pausen, fehlende Unterstützung der Vorgesetzten, einen geringen Handlungsspielraum, Standardisierung von Pflegetätigkeit, hohe Überwachung durch Qualitätsnormen und Dokumentation kommen hinzu.

Entgrenzung von Arbeitswelt und Privatleben

Um diese Pflegesituation aufrechtzuerhalten, ist dem Pflegepersonal schon einiges abverlangt worden. Durch ständige Entgrenzung von Arbeitswelt und Privatleben ist Freizeit kaum planbar, da Mitarbeiter außerhalb ihrer Dienstzeit häufig aufgefordert werden, zum Dienst zu erscheinen. Nach Angaben der Gewerkschaft ver.di (2016) fielen 35,7 Mio. Überstunden in deutschen Kliniken an. Mit der Langzeitfolge, dass der Krankenstand in Pflegeberufen mit 7,4 Prozent deutlich über denen aller Berufe liegt. Das gesetzliche Rentenalter wird aufgrund der hohen Belastungen schon heute von über 30 Prozent der Pflegenden in der Patientenversorgung nicht erreicht.

Nicht nur die Krisendynamik der Corona-Pandemie verdeutlicht, dass die Arbeits- und Berufsbedingungen von Pflegekräften strukturelle Ungleichheitsfaktoren gegenüber anderen Berufsgruppen aufweisen. Heute sind ca. 80 Prozent der Pflegenden Frauen, mit der besonderen Situation der doppelten Vergesellschaftung (erhöhter Spagat zwischen Berufs- und Erwerbsleben). Gesellschaftlicher Applaus in den Abendstunden und die steuerfreie Scholz-Corona-Prämie wirken da wie ein Schlag ins Gesicht. Benötigt wird dringend eine gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, welchen Wert die Reproduktionsarbeit hat.

Gegenwärtig ist nicht Management gefragt, sondern professionelle Führung, die ihre Tätigkeit als Dienen für die Mitarbeiter versteht. In der aktuellen Krise benötigt Pflege eine verlässliche Führung, die sich dafür einsetzt, dass Pflegende trotz aller Unabkömmlichkeit geschützt werden. Eine Führungskraft, die die Nöte versteht, benötigt eine gereifte Persönlichkeit. Sie muss Orientierung geben und Unternehmensbelange einordnen können. Es darf für den Erhalt von Gesundheit und Versorgung keine Denkschranken geben, denn Sparprogramme töten (Struckler; Basu, 2015).

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Prof. Dr. Guido Heuel ist Dipl.-Sozial-Gerontologe sowie Dipl.-Pflegewirt (FH) und arbeitet im Fachbereich Gesundheitswesen an der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Köln.
Wir danken ihm für dieses Statement.