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Unser soziales Gehirn braucht ein Gegenüber

Soziale Kontakte trotz Distanz pflegen

Social Distancing lautet der aktuelle Appell an uns alle: Möglichst zu Hause bleiben, im Homeoffice arbeiten, beim Einkaufen zu anderen Abstand halten und persönliche Kontakte auf ein Minimum reduzieren. Nur so lässt sich die Gefahr einer zu schnellen Ausbreitung des Corona-Virus reduzieren. Doch warum fällt uns die Isolation so schwer? Prof. Dr. Melanie Jonas von der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) meint, unser soziales Gehirn braucht ein Gegenüber – und erklärt die Schwierigkeit des „Social Distancing“ aus Sicht der Psychologie und Hirnforschung.

Prof. Melanie Jonas: Wenn man es einmal technisch ausdrücken möchte, sind wir Menschen sozusagen für den sozialen Umgang mit anderen „verdrahtet“. Unser Gehirn ist ein soziales Gehirn, das uns ein Leben in großen und komplexen sozialen Netzwerken ermöglicht. Wir pflegen mit verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich intensive Beziehungen, und gehen mit unserem Lebenspartner z.B. anders um als mit unseren Eltern, Kindern, oder mit der Postbotin. Die Hirnforschung aus über 20 Jahren zeigt, dass wir über verschiedene Systeme aus Hirnregionen verfügen, die auf die Deutung sozialer Signale eingerichtet sind, die andere Menschen aussenden: Verhalten, Mimik, Gestik, Tonfall u.s.w. Mithilfe unseres sog. Spiegelneuron-System etwa können wir vermutlich erste, schnelle Einschätzungen der Absichten anderer anhand ihrer Bewegungen machen. Das sog. Mentalisierungs-Netzwerk dagegen hilft uns, uns in andere hineinzuversetzen und zu verstehen, warum sie sich so verhalten wie sie es gerade tun.

Halten wir uns nun an die in der Corona-Krise gebotenen Regeln und distanzieren uns räumlich von einem Großteil unserer Mitmenschen, schneiden wir uns damit zeitweise von vielen sozialen Informationen ab, aus denen wir wichtige Schlüsse darüber ziehen können, wie andere ums uns herum die aktuelle Situation beurteilen und sich gerade fühlen. Das wiederum hilft uns selbst, unsere eigene Lage einzuschätzen. In potenziell bedrohlichen Situationen haben wir demnach das Bedürfnis nach sozialer Nähe, insbesondere zu Freunden und Verwandten. Soziale Distanz widerspricht diesem Bedürfnis und erhöht in uns das sowieso vorhandene Gefühl der Unsicherheit.

Der beste Kompromiss kann es in dieser Situation sein, seine sozialen Kontakte so gut es geht über die Distanz zu pflegen. Besonders wer alleine lebt, sollte also die verbleibenden Möglichkeiten nutzen, sein soziales Gehirn mit Informationen zu füttern und sich, gerne häufiger als sonst, mit Familie und Freunden zum Videochat oder einfach zum Telefonieren verabreden. Selbst ein Schwätzchen mit dem Nachbarn über den Gartenzaun hinweg kann gut tun. Auch berufliche Kontakte sind nicht zu vernachlässigen. An der Fachhochschule des Mittelstands z.B. unterrichten wir unsere Studierenden zurzeit online im virtuellen Klassenzimmer weiter und halten täglich kurze Videokonferenzen unter den Kollegen ab. Ein weiterer positiver Effekt hiervon ist, dass es den Studierenden und uns Dozenten unsere gewohnte Tagesstruktur erhält, also ein Stück Normalität und Sicherheit in dieser außergewöhnlichen, unsicheren Zeit.

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Prof. Dr. Melanie Jonas ist Diplom-Psychologin und arbeitet als Professorin für Psychologie an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Köln.
Wir danken ihr für dieses Statement.