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Hilfe für psychisch Erkrankte in Corona-Zeiten

Klare Tagesstruktur wichtig für Depressive

Heimarbeit, Quarantäne, reduzierte soziale Kontakte, das Wegbrechen von Jobs und die Unsicherheit, wie es weitergeht – all das kann für jeden von uns sehr belastend werden. Besonders herausfordernd ist die aktuelle Situation jedoch für Menschen, die psychisch krank sind. Wir wollten von Frau Prof. Dr. Nicole Joisten von der ISM International School of Management (ISM) in Köln wissen, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie für psychisch Erkrankte hat und wo Betroffene derzeit Unterstützung finden.

Prof. Nicole Joisten: Grundsätzlich bedeutet die aktuelle Situation für uns alle Stress. Stress verstärkt zunächst alle psychischen Krankheitssymptome unabhängig von der Grunderkrankung. Das können zum Beispiel Ängste, Zwänge, Schizophrenie, Depressionen oder Schlafstörungen sein. Allerdings wirken sich einige spezifische Faktoren in der aktuellen Situation auf unterschiedliche psychische Erkrankungen mehr oder weniger stark aus.

Zum Umgang mit Depressionen gehört in der aktuellen Situation als erste verhaltenstherapeutische Maßnahme die Erhaltung oder die Wiederherstellung einer klaren Tagesstruktur, der Aufbau angenehmer Aktivitäten und die Ausweitung oder Reaktivierung des sozialen Netzwerkes unter Zuhilfenahme der hierfür derzeit greifbaren Strukturen. Alle diese Dinge geraten gerade jetzt aus dem Gleichgewicht und sollten deshalb da, wo es möglich ist, besonders beachtet werden. Konkret kann das heißen, zeitig aufzustehen, auch wenn man nicht muss, den Tag planen und Dinge tun, die man vielleicht schon lange tun wollte – ob es die Mütze ist, die man für den nächsten Winter strickt, das Buch liest, das schon lange im Regal steht, oder Fotos vom letzten Urlaub sortiert. Heutzutage haben wir zum Glück auch vielfältige Möglichkeiten, unsere sozialen Kontakte zu pflegen. Telefon, E-Mail, Videochat, vielleicht auch ein altmodischer Brief – so lässt sich das soziale Netzwerk trotz nötigen Abstands aufrechterhalten.

Diese Maßnahmen helfen leider nicht bei allen Erkrankungen, weil sich die spezifischen Krankheitsfaktoren in der aktuellen Situation bei einigen psychischen Erkrankungen verschiedenartig intensivieren. Beispielsweise ist für Patienten mit Angsterkrankungen die aktuelle Situation der wahrgewordene Albtraum. Die derzeitigen Einschränkungen gehen mit einem Kontrollverlust einher und die Veränderungen von als sicher geglaubten Gegebenheiten verstärken Angststörungen. Bei Zwängen ist es ähnlich, auch diese intensivieren sich zwar ohnehin unter Stress. Zwangshandlungen werden aber ausgeführt, um Angstgefühle in Schach zu halten und ein Gefühl der Kontrolle aufrechtzuerhalten. Je mehr die äußere Welt nun aus den Fugen gerät, desto mehr wird versucht, Macht über den eigenen vermeintlich kontrollierbaren Bereich zu behalten. Besonders hart trifft es hier z. B. Waschzwänge, hinter denen oft die Angst steht, andere oder sich selbst mit einer Erkrankung zu infizieren.

Hilfe bekommen Betroffene weiterhin bei psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten. Die meisten Psychotherapeuten haben ihre Praxen weiterhin geöffnet, wenn auch eventuell auf eine Videobehandlung umgestellt. Die Kassenärztliche Vereinigung hat eine Videobehandlung derzeit auch für eine Eingangsdiagnostik, also den Beginn einer Psychotherapie erlaubt. Auch die psychiatrischen Institutsambulanzen der Krankenhäuser stehen nach wie vor als Ansprechpartner bereit. Zudem kann die Terminservicestelle (TSS) der KV Nordrhein helfen, einen Termin beim Psychotherapeuten zu vereinbaren. Die Terminservicestelle ist jeden Tag rund um die Uhr ohne Vorwahl unter der Nummer 116 117 zu erreichen.

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Prof. Dr. Nicole Joisten lehrt Psychology & Management an der International School of Management (ISM) in Köln.
Wir danken ihr für dieses Statement.