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Echofall

Antisemitismus pädagogisch aufgreifen

Anlässlich der Abschaffung des Echopreises nach Beschluss des Vorstands des Bundesverbandes Musikindustrie kommentiert Rapforscherin und Pädagogin Dr. Ayla Güler Saied die Debatte.

„Die Kontroverse, die durch die Verleihung des Echo an Kollegah und Farid Bang ausgelöst worden ist, ist in den letzten Wochen medial hinreichend diskutiert worden. Ich möchte aus gesellschafts- und bildungspolitischer Perspektive eine Kontextualisierung des Gangsta Rap vornehmen. „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“ – diese Line sorgt nach wie vor für Schlagzeilen. Farid Bang rappt sie in dem Song „0815“ auf dem Album „JBG3 (Jung, brutal, gutaussehend)“ und rechtfertigt die Line als harten Vergleichsreim, wie er im Rap üblich sei. Es geht hierbei jedoch mehr als nur um eine Line. {…}

Aus pädagogischer Perspektive stellt sich die Frage, wie im Rahmen der schulischen und auch außerschulischen (politischen) Bildung von Kindern und Jugendlichen antisemitische, diskriminierende und menschenverachtende Lyrics im Gangster Rap aufgegriffen werden können. Da Videostatements im Internet zunächst mal aus Monologen bestehen und eine direkte Interaktion mit dem jungen Publikum nicht stattfindet, ist es wichtig, die Lyrics in ihrer gesamtgesellschaftlichen Komplexität kritisch beurteilen zu können. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen ist das Argument, es handle sich bei dem Song nur als Kunst und diese sei durch die Kunstfreiheit gedeckt, angesichts der diskriminierenden und menschenverachtenden Wirkungsmacht um ein sehr schwaches Argument.

Dass im Zuge der derzeitigen Debatte die Kriterien für die Vergabe vom Echo überarbeitet werden, ist richtig und wichtig und hätte bereits in Angriff genommen werden sollen, als die Echo-Verleihung 2016 an die Band Frei.Wild für Kontroversen sorgte. Eine offene und demokratische Gesellschaft lebt von Kontroversen. {…}
Menschenverachtung darf nicht zur Normalität werden, die unwidersprochen hingenommen wird. Der Dialog und Austausch – auch im Rahmen schulischer Bildung – ist eine mögliche Form, diesen Entwicklungen entgegenzutreten. Dabei sollten die gesamtgesellschaftlichen Exklusionsmechanismen und Machtverhältnisse nicht aus dem Fokus geraten, damit Künstler wie Kollegah und Farid Bang sich nicht weiterhin hinter einer konstruierten Opfer- und Märtyrerrolle in ihrer imaginierten (Gangsta-)Welt verstecken können.“

Vollständige Meldung der Uni Köln